Archiv für Februar 2012

Gespräche mit S-Bahn-Fremden

Februar 21, 2012

Das augenblickliche Leben so anstrengend schön, dass ich mit jedem Wimpernschlag befürchte es könnte enden, dass das wohngemeinschaftliche Inselleben aufhört und nichts bleibt außer galaktischer Verpuffung und Vermissen.

Es ist eine skurrile Welt, in der ich aktuell lebe. So skurril, dass ich fast lieber wildfremden Menschen in der S-Bahn davon erzählen mag, als Menschen, die mir nahe stehen. S-Bahn-Menschen haben den Vorteil, dass sie nicht wissen, wer ich bin und ob das was ich tue vernünftig ist, klug, logisch oder all das eben nicht. Es entstehen keine Sorgenfalten zwischen den Augenbrauen, während sie sagen, dass sie sich freuen und so lange es sich gut anfühlt, auch alles gut ist. S-Bahn-Menschen lächeln einfach, meistens weil sie mich irre finden. Denke ich zumindest, denn ich rede nicht mit wildfremden Menschen in der S-Bahn.

Würde ich mit wildfremden Menschen in der S-Bahn sprechen, würde ich Ihnen von Erdbeeren erzählen und Tulpen, von „I know it’s tuna, but is this chicken?“, Stolzaugen, von frischem Thai-Curry, von Wegbeschreibungen und telefonischen Rettungsangeboten, von meinem Leihwagen, von zauberhaften Kurzmittelungen und morgendlichen Anrufen, von der Faszination des Gossenfernsehens, frischen Brötchen und Rückenkraulen.

Und ich würde ihnen erzählen, dass ich nicht verliebt bin, nur gerne hier.

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Tulpen von Valentin

Februar 14, 2012

Viele Dinge im Leben sind begrenzt – Urlaube beispielsweise.

Wie verbringt man seine Urlaube? Man genießt sie mit dem Wissen, dass sie endlich sind. Donnerstags fällt einem ein, dass es nur noch drei Tage sind bevor der Wecker morgens wieder klingelt und dann vergisst man es oder schiebt es in die hinterletzte Ecke des Gehirns, verdrängt es bis Sonntag.

Hier ist nicht Sonntag.

Hier ist Valentinstag und es gibt Anrufe vom Empfang, die über Blumenlieferungen informieren, was bei mir mehr Überraschung hervorruft als Neugier beim Verkünder. Tulpen ein bunter Tulpenstrauß und eine Karte mit nur einem Wort.

Ich freu mich so dolle, dass ich fast irre werde – Urlaub!

wie die Mutter zum Kinde

Februar 11, 2012

– worauf sich die Friesin freut –

Frau Otto-Norma(h)lverbraucher hat es geschafft, aus schwungvollen Hüften ein Kindchen rausgepresst. Obwohl das nicht wahr ist. Das Kind hatte nämlich beschlossen in der Muttermuschel auszuharren – ich bin mir sicher es liegt am Wetter, denn liegt nicht immer alles irgendwie am Wetter. Was nach acht Tagen Überfälligkeit der werdenden pünktlichkeitsfanatischen Mutter gehörig auf den Zeiger ging, weswegen sie ihn holen lies.

 

Zwei Tage später bin ich nach den Großeltern Norma(h)lverbraucher, der erste Besuch für das Kind, welches in seine Haut erst noch rein wachsen muss.  Friedlich, bis er zu mir auf den Arm muss. Hört sich anders an, riecht anders – gar nicht gut. Unglaublich wie laut so was Kleines werden kann.

 

Kinder lieben mich, der Kleine versucht mir gerade eine Illusion zu rauben. Ich setzte mich ganz dicht an Frau Otto-Norma(h)lverbraucher und schon ist Ruhe im Suppenschacht. Gut in Bio aufgepasst. Schlüpfi schmiegt sich ganz elegant an meinen Arm und macht, was Frischlinge so tun – nichts.

 

Und während ich das junge Leben so bewundere wird mir doch schnell noch ne Patenschaft aufgeschnackt. So geht das also!?

Inselleben

Februar 6, 2012

Der Graf und ich wohnen vorübergehend auf einer Insel, zwei mal zwei Meter, mit Krümeln übersäht. Hier liegen wir wie Fischstäbchen im Krümelsand oder sitzen im Mönchssitz, bestellen Lebensmittel, spielen Onlinepoker, schauen mehr oder weniger gehaltvolle Filme, lassen es Abend werden und morgen.

 

Es ist wie es ist und gut so.

die anwesende Abwesenheit von Dalai-Lama-Weisheit

Februar 2, 2012

19h, ich fahre nach Hause. Meine Brust geschwollen – von Stolz und von dem Wissen, dass ich der Dalai Lama bin und fähig dieses Dalai-Lama-Allwissenheitsprinzip auf mich anzuwenden um nicht mehr sehenden Auges in mein Unglück zu rennen – Neujahrsvorsätze.

Dem Grafen geht es schlecht. Sehr schlecht. Die letzten vier Monate hatten wir keinen Kontakt, mein Kopf war frei – kein Gehirnspam. Und zeitgleich war alles kristallklar, so klar, dass ich sehen kann, dass er mich auf seine abstruse Art und ich ihn auf meine normale Art mag, dass dieses Etwas – wofür der Begriff Freundschaft nicht passt und auch nichts anderes – existiert.

Ich kann mich nicht auf mehr als einen komplizierten Menschen zurzeit konzentrieren und ich kann mir nicht keine Gedanken machen. Und er kann nicht einfach sein, nicht pünktlich, nicht zuverlässig, nicht respektvoll, nicht unlaunisch – so sind wir, fehlerhafte Menschen mit Abstand betrachtet.

Und doch Liebe, nicht Reihenhaus-Kinder-Familienhund-Liebe, nicht Sexliebe. Liebe, die etwas in ihm sieht, was wertvoll ist; die ihm schwungvoll in den Arsch treten möchte, weil er in mancherlei Hinsicht so dumm ist und blind für sein eigenes Potenzial; Liebe, die einen wahnsinnig macht, wenn man zu dicht dran ist, weil man dem von Beratungsresistenz überfüllten Geliebten sprachlos gegenübersitzt – summa summarum: Gehirnspam.

Abstand, die Zusammenfassung des Dalai-Lama-Wissens.

Nicht den Zwang es recht zu machen, zu gefallen, mich nicht ärgern, nicht gedankenverloren, nicht müde, nicht verärgert – ich will dieses unbezahlbare Gefühl zurück.

Es ist ein trügerischer Stolz, der sagt, dass die getroffene Entscheidung eine feste ist, unabänderbar. Ich sollte mich besser kennen. Aber die Sonne meiner spöttischen Überheblichkeit überblendet die Selbstkenntnis.

Dem Grafen geht es schlecht.

21h, ich sitze in einem Taxi. Wider besseren Wissens, sehenden Auges.

Dem Grafen geht es schlecht, sehr schlecht. Vier Monate Nichtmelden und akutes Herzleiden begründet in einer Frau, die klug genug ist zu gehen. Nicht weil sie, nichts für ihn empfindet, sondern weil der Gehirnspam, sie madig macht. Und wer will schon ein madiges Leben.

Ich habe ihn nie so gesehen: So viel Traurigkeit, dass sich unter meinen „Es ist Kharma“-Gedanken, Mitleid mischt. Ich bin kein Gutmensch.