Archiv für Mai 2010

nach Hause kommen

Mai 29, 2010

Nicht ganz, aber doch immer wieder ein bisschen.

Es gibt zweierlei Internatskinder: Kinder, die dort wohnen, und Kinder, die dort leben. Ich war ein Lebeinternatskind, Internat war immer spannend, immer aufregend, immer chaotisch, immer gleich, immer neu. Ich war hier zu Hause. Zu Hause ist da, wo man im Dunkeln die Tassen findet.

Ich fand im Dunkeln die Tassen, Gästebettwäsche, -handtücher und so ist es jedes Mal, wenn ich die Haarnadelkurve im ersten Gang des Moritzautos den Berg nach oben schleiche und das Waldgrün um mich aufbricht ein altbekanntes Bild: Rechts neumodische Turnhalle dahinter ein Minispielplatz für Lehrerkinder, links zwei kleine Fachwerkgebäude alias B-Heim alias Behilfsheim zwecks eines Dachstuhlbrands 1966 erbaut, geradeaus eine kleine Brücke und am Ende eine Steinmauer mit Holztüren so groß, dass ein Kleinlaster gerade noch durch passt. Ein bisschen nervös aufgeregtes, frisch-alt-verliebtes Kribbeln sammelt sich etwas hinter meinem Bauchnabel.

Brausepulverbauchkribbeln und ein bisschen nach Hause kommen, irgendwie.

was machst du eigentlich?

Mai 29, 2010

Die Frage aller Fragen.

Was machst du eigentlich? Nach all diesen Jahren wohl die naheliegeste Frage und doch eine Frage, die bei mir ein kleines Zwischenatmen vorm Antworten erfordert.

Ich habe nicht Modedesign studiert um nun lächelnd zu jobben, irgendwie war das anders geplant und anders erhofft, aber gerade mein Leben scheint ein Schaubeispiel für erstens kommt es anders und zweitens als man denkt zu sein und so kommt erstens immer alles anders und zweitens als man denkt.

Mein Job ist nicht ätzend, zumindest nicht andauernd, aber die Erfüllung!?

Welcher Job ist schon die Erfüllung, in einem Fremdgespräch, das ich belauschte, sagte einer der vielen Ehemaligen „der Schuh, den man gerade trägt, drückt immer…“ Und vielleicht ist da viel Wahres dran und dann denke ich an die Lebensläufe und adretten Halbenglischbetitelungen, mit den die Frage aller Fragen beantwortet wird.

Was machst du eigentlich? Leben – und irgendwas dazwischen.

Minimenschen im Kopfkino

Mai 28, 2010

Mein senartiges Sein ist einem Flummi-Ich gewichen und ich bin hibbelig.

Alle dreieinhalb Minuten gucke ich nach unten rechts – Zeitanzeiger am PC. Tick-tack macht es nicht und doch kann ich es quasi hören. Tick-tack, noch 45 Minuten maximal.

In 45 Minuten geht’s los gen Mittelhessen, Mittel- nicht Südhessen, nicht um Leute zu umarmen und doch um Leute zu umarmen. Mein innerer Kalender leuchtet in roten Leuchtbuchstaben „Internatswochenende“ an die innere Schädelplatte, davor sitzen Minimenschen auf grünem Rasen und klatschen erfreut. Lustiger Kopf!

 …

Wie gesagt, ich bin hibbelig und der Kopf gleich mich und unter der Leuchtschrift ist zu lesen: Ich freu mich.

der Weg ist das Ziel – Kiezslalom

Mai 25, 2010

Nach meinem Kalaschnikowfreitag verspüre ich nicht die geringste Lust mich außerhalb meiner eigenen vier Wände aufzuhalten, aber es ist Geburtstag angesagt und der Geburtstag der besten Unifreundin ist nicht zu schwänzen.

Also quäle ich mich in ein angebracht lässiges Outfit und mache mich gegen neun auf den Weg gen Kiez. Ich schlüpfe aus der Bahn, die S-Bahn-Station riecht nach Kiez, Kiez wie Kiez eben riecht im Untergrund, eine Mischung aus zu viel Männerparfüm, Urin und verschüttetem Bier.

Kiez gegen zehn: Umherschwirrende Tourigruppen teilweise mit Familie, angeführt von C- bis X-Prominenz, Kostümierten, Geschichtsstudenten und/oder Lebenskünstler, da wird hinter Schirmen hergedackelt – illustres menschliches Herdenverhalten in unbekannter Umgebung. Zwischen den Herden sehe ich Mädels um die 19 in zu hohen Schuhen, die sich gerade auf den Weg in den nächsten In-Club machen, es wird über Sven gelästert oder Jens und im Vorbeigehen lässt sich ahnen, dass er der Ex von der ist, die am wenigsten glücklich mit der eigenen Schuhwahl scheint.

An der Davidwache stehen sich friedlich Polizisten und Schwälbchen gegenüber, die Schwälbchen stehen auf der Burger King Seite – vielleicht die bessere Seite, zumindest was die Grundversorgung angeht. Hinter mir eine weitere Regenschirmgruppe angeführt durch eine schrille Transe. „Haben Sie die bestellt…“ (alter Touriwitz) „Ja natürlich, aber hätte ich gewusst, dass du so zurückhaltend bist, hätt ich nur die Hälfte bestellt.“ (altes Transenkontra)

Grüne Ampelphase mit Polizei im Rücken wartet man, ein Fahrradfahrer mit Weidengepäckträgerkörbchen kreuzt, vorbei bei Mothers Finest, wo es neben tollen Nacht-Überlebenskäsetoast Fließen zu bewundern gibt, die wie Eulen aussehen und der Kakao noch mit Milch gemacht wird.  Und man bis nachts um halb drei noch Fritzmelonenbrause gibt. Halb drei wird abgeschlossen, auch das gibt’s mitten aufm Kiez…

Dahinter sitzen Alkoholiker vor verwahrlosten alten Häusern. Zwei Ecken später bin ich da, grandioser Blick auf den Hafen, selbst vom Erdgeschoss aus. Hinter mir sehr exklusive neue Eigentumswohnungen, die Taxen kreisen, Richtung König der Löwen und zurück, Richtung Theater und zurück, überall hin und von überall her, schwarz-glänzende Autos namenhafter Hersteller fahren in die Tiefgarage, ein Page raucht eine am Dienstboteneingang…

Jammi kommt raus. Feierabend, endlich Feierabend, die Lichter des Kiez flimmern, tiefschwarz liegt das Wasser in der Elbe, der Kiez ist gerad erst aufgewacht.

freitägliche Totaldepressionen die Postrunde betreffend

Mai 23, 2010

Acht Einschreiben, acht! Einschreiben sind doof, denn Einschreiben bedeuten neben der Postrunde durch die Gänge zu laufen und wen zu finden, der das mal eben gegenzeichnet.

Persönliches Tageshighlight: Im Einkauf, zweite Etage steige ich aus dem Fahrstuhl, neben mir und meinem Postwagenmonstrum steht Herr W., der gehört zum Einkauf. „Herr W., würden Sie mal eben bitte das Einschreiben annehmen und gegenzeichnen?“ „Nö!“, und geht in sein Büro.

Geht’s noch?

Postrundenhorror, Einschreibenhorror, bin kurz davor mich in der Fötusstellung in einen Kopierraum zu legen und zu warten bis der Tag vorbei ist, unsere Kopierräume sind eng und kuschelig (aus Knüllpapier könnte ich mir eine Höhle bauen), aber leider auch rege besucht. Nicht die beste Idee. Die Postrunde mit ner Kalaschnikow zu machen?

Mhhh… „Herr W. würden sie mal eben das Einschreiben gegenzeichen?“, demonstratives Nachladen mit Schacka-Schacka-Ratsch-Ratsch-Geräusch. „Aber natürlich Frau von Lott.“, leichte Nervosität in der Stimme. „Vielen Dank und schöne Pfingsten, Herr W.!“, charmantes Lächeln und Kalaschnikow zurück in den Wagen legen. Schöne Idee, bis ich eine Kalaschnikow habe muss mir der Du-Wichser-Gedanke in meinem Hirn reichen.

..

(An Oma: Liebe Oma, keine Sorge meine Arbeitskollegen wissen nichts von meinem Blog und ich weiß fluchen ist nicht gut, aber dein Tipp, jedem, der garstig zu mir, ist schwungvoll mit der Bratpfanne eins über zu ziehen, ist in diesem Fall wohl auch keine Lösung, oder? Anbei: Haben wir irgendwo ne Kalaschnikow oder kann ich Opas Schrotgewehr leihen? Liebe Grüße nach Kleinpferdchendorf, das Enkelkind.)

donnerstägliche Lichtstreifen am Postrundenhorizont

Mai 22, 2010

Genauso gut könnten auf den Briefumschlägen kyrillische Liebesbriefe stehen oder chinesische Kochrezepte, das würde nichts ändern… Post in der neuen Firma ist kryptisch.

Zwei bis neun Kisten Post zuzuordnen in 700 Untergesellschaften plus 200 Altnamen, acht Etagen, ein Nebenhaus und zwei Oberfirmen. Einiges wird gescannt, manches wird direkt zugeordnet, anderes wird gegengezeichnet, viel wird geöffnet, manches bleibt verschlossen, wichtige Namen längst vergangner Mitarbeiter… Eine Stunde Zeit, manchmal eineinhalb, je nachdem wann der Postbote kommt. Postsortieren, begrenzt tolle Arbeitszeit.

Rot leuchtet Postrunde in meinem Stundenplan (und ja es gibt Stundenpläne) zwischen zehn und elf, eine Stunde, acht Etagen, 120 Hauspostumschläge; 259 Mitarbeiter, von denen ich vielleicht 50 namentlich Abteilungen zuordnen kann; beliebte Kürzel, die in meinem  Kopf Fragezeichen aufploppen lassen (Pop-up blockieren?); eine sieben Din-A-4-Seiten-lange Liste; endloses Suchen blättern… Postrunde, begrenzt tolle Arbeitszeit.

Donnerstag ein Lichtstreifen am Horizont. Ich schaffe zum ersten Mal die Postrunde in vorgegebener Zeit: Postrunde in unter einer Stunde zwischen zehn und elf, ich brauche 53 Minuten zum Verteilen und weitere sechs zum Ausräumen des Postkastens, weitere fünf für die zweite Runde, ausschließlich achte Etage – Geschäftsleitung. Zwei Zeitungen und einmal Hauspost.

Ich fühle mich wie der Sieger des Ironmans: Postrunde in unter einer Stunde (Zeitlauf geht nicht mit in die Wertung ein)!

Kiezabend mit einer Domina

Mai 14, 2010

Nachdem die Exvormittagskollegin ihren eigentlichen 50.Geburtstag klammheimlich in Afrika verbracht hat, wurde nun nachgefeiert. Das hatte wenig mit Freiwilligkeit zu tun, aber wenn man 50 wird, hat man wohl nur begrenzt eine Wahl, insbesondere wenn die Hausdame, meine Exchefin und Organisatorin sämtlicher Angestelltengeburtstage eine feierwütige Domina ist – eine Geburtstagsdomina sozusagen.

Nachdem ich tagelang den Klingelbeutel schwang, kam eine stattliche Summe zusammen, die nun fast drei Monate nach dem eigentlichen Geschehen auf den Kopf gehauen wurde, in mittlerer Runde.

Die mittlere Runde bestand aus der herrischen Hausdame alias Miss Dominanz, der hilfbereit-verständnisvollen Agrarkulturabteilungsassitenz, der blitzgescheiten Internetfee mit den Madonnazähnen (soll heißen Mut zur Lücke zwischen den vier oberen Vorderzähnen), einer leicht verzogen wirkenden Alleinkämpferin der elektronischen Unterabteilung alias Miss Nose-up, mir und selbstredend aus dem Geburtstagswesen.

Die Abendgestaltung bestand aus folgenden Programmpunkten:

  1. Umtrunk im Cafe Wien
  2. Taxifahrt gen Kiez
  3. Pulverfassbesuch
  4. Absacker irgendwo auf dem Kiez

 

Im Cafe Wien war die Stimmung vorfeiertäglich entspannt, die Hausdame feierte sich selbst, da sie (eigentlich müsste sie groß geschrieben werden um die Betonung zu verdeutlichen, also SIE) vorab bereits für jeden einen Käseteller bestellt hatte, der eigentlich nicht auf der Karte stand und der dem Restaurantinhaber wohl kurz vor unserem Eintreffen noch Stresspusteln auf die Wangen gezaubert hatte, aber der Kunde ist König und wenn eine herrische Hausdame mit von der Partie ist, die jährlich 50 Veranstaltungen vorzubereiten hat, ist der Kunde eben auch mal Kaiser im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Später stellte sich heraus, dass das Geburtstagswesen vorgeschlagen hatte vorm Kiezabend etwas zu essen, da Kiezabende die Angewohnheit haben nicht vor Mitternacht zu enden und auf ihren Wunsch hin hatte sich die Abenddiktatorin durchringen können statt einer reinen Weinverkostung auf einen Käseteller zu bestehen (glücklicherweise, denn ich trinke keinen Wein). Neben dem Käseteller plante die Alleinherrscherin einen baldigen Empfang und war bemüht jede Kellnerin und den immer noch Käseteller geschockten Chef um sich zu scharren, das Servicepersonal flatterte. Orientalisches Ambiente sei gewünscht, eine Bauchtänzerin und orientalische Speisen – selbstredend. Die Agrarkulturabteilungsassitenz warf ein, dass man auch an die musikalische Untermalung denken sollte, aber sie erntete nur einen vernichtenden Blick und die Information, dass orientalische Musik jeden nur nerve, der Chef lachte nervös und ich fragte, wozu sich die Bauchtänzerin denn bewegen soll, aber das fragte ich nur mich. 

„Schätzelken“ (in dem Fall ich) sollte dann etwas über den neuen Job plaudern und ich erzählte von russischen Offizieren, Anlegern und Beiräten, bevor das Gespräch auf Haustiere überlief. Nachdem ich sämtliche Informationen über alle Haustiere der anwesenden Haustierbesitzer gelegentlich nickend durch meine Gehirnwindungen hatte sausen lassen um sie dann wahlweise über Ohr links oder Ohr rechts wieder rauszuschmeißen, klagte das Geburtstagswesen ihr Leid über die aktuelle Bausituation in ihrer Wohnung: Der Eigentümer baue, es gäbe keine Infos, Terrassenmöbel und Blumentopfe seinen verschwunden, 300kg Sand dafür da, samstags um acht würden polnische Handwerker klingeln und mit Händen und Füßen erklären, dass sie die Wohnung nun ausmessen müssten, andere Verständigung sei nicht möglich, sie frage sich wie das in Sachen Wer-Baut-Was-Und-Wie funktioniere, aber dieses Rätsel konnte selbst unsere Abenddiktatorin nicht lösen, dafür aber wiedersprechen als es um Mietminderung ging, schließlich wohne das Geburtstagswesen gern dort und solle es sich mit dem Vermieter nicht verscherzen, ihr sei kürzlich etwas ähnliches passiert. Sie erzählte eine andere Geschichte.

„Schätzelken“ sollte dann ein Taxi organisieren, besser zwei, aber in diesem Fall war eine der Servicegrazien angedacht.

Die Agrarkulturabteilungsassistenz verabschiedete sich, die herrische Hausdame, Miss Nose-up und die Internetfee nahmen das erste Taxi. Das Geburtstagswesen und ich das zweite. „Ich bringe Sie so dicht ran, wie ich kann und dann kämpfen Sie sich allein durch.“, sagte der überaus nervöse Taxifahrer und ich fühlte mich wie auf einem Wochenendtrip ins Krisengebiet. Der Hamburger Krisenherd, den unser Fahrer fürchtete, war schlicht Fußball. Spanien gegen England, was an uns Frauen vollkommen vorbei gezogen war, während man bei den Erzählungen des Taxifahrers zumindest annehmen musste, dass dieser abendliche Ausflug mit einem Dreitagesmarsch durch den Jemen gleichzusetzen war.

Er fuhr uns bis eine Parallelstraße vor der Reeperbahn, circa einen halben Kilometer vom Pulverfass entfernt, Nähe Davidwache. Und dann hatten wir freie Sicht auf den Krisenherd, der sich buntbeflaggt mit Gesichtsbemalung und dem klassischen Fußballpegel im Singen, Tanzen und/oder Jubeln übte. Schmückendes Beiwerk war die Polizei, welche die Eingänge zur S-Bahn abschirmte. Wobei ich kurz an unseren Verkehrsverbund dachte, der neuerdings eine lustige Art hat mit einer Übermasse an Fahrgästen klar zu kommen, nämlich dem Nichttransport. Dieses lang geübte Verfahren wurde also wieder angewendet so, dass sich die Fußballmasse wippwogend aber friedlich vor den S-Bahn-Toren befand und ausharrte.

Ich bin kein regelmäßiger Kiezgänger, aber doch geübt, das Geburtstagswesen immer einen halben Schritt hinter mir schlängelten im Slalom durch die Fußballfreunde. Vorbei an Platauschwälbchen um den Hans-Albers-Platz herum und nach fünf Minuten hatten wir unser Ziel erreicht – das Pulverfass.

Als Nicht- oder Neuhamburger muss man wissen, dass das Pulverfass eine Institution ist. Seit 36 Jahren bietet die Travestieschau Menschen die sich im Umwandlungsprozess vom Mann zur Frau befinden einen Broterwerb, zumindest wenn sie zeigefreudig, musikalisch, komödiantisch oder anderweitig begabt sind. Passend zum Klischee ist das gesamte Interieur in den verschiedensten Rottönen gehalten, aber weder im noch außerhalb des Interieurs waren unsere Ersttaxidamen zu entdecken.

Auf der anderen Straßenseite erschien eine vollkommen schockiert drein blickende und gar nicht mehr so selbstsicher wirkende Abenddiktatorin, gefolgt von den anderen fehlenden Zweien. Auf die Frage wieso, wieso wir denn schon da seien, hob das Geburtstagswesen seine Vorzüge hervor und betonte, dass man als kleiner Mensch, wie sie es eben sei, eben überall immer recht schnell hin käme. „Als kleiner Mensch, der hinter einem etwas größerem Menschen (mindestens einen Kopf), der mit bösem Blick die Passanten verscheucht und den Weg kennt, sicherlich.“, aber die Geburtstagsmenschin hatte an ihrem Nachgeburtstag schon viel einstecken müssen und so lächelte ich nur allwissend.

Nach Unmengen Uneinheitlichkeiten die Getränkeauswahl betreffend, Wein sollte geteilt werden, aber farblich war man sich uneinig, geschmacklich sowieso, wurde endlich bestellt, dass war zu dem Zeitpunkt als der schwule Kellner schon angenervt mit den Augen rollerte und die Abenddiktatorin ihn mit einem „wunderschöne Augen haben Sie und dieses Lächeln erst…“ zurück auf ihre Seite ziehen wollte. Dieses Vorhaben ignorierte der touri-erprobte semitransparente Hemdentragende mit seichter Überheblichkeit, was die Abenddiktatorin noch anspornte, sie schwärmte in den schillernsten Farben, denn der wüsste schließlich wie man mit einer Frau umzugehen hatte. Erstaunlich, was Ignoranz für Reaktionen hervorrufen kann – Frauenphänomen.

Die Show begann.

Auftritt Nummer drei, nach einer Vorstellungsszene und einem Cherdouble (welches bewies, dass scheinbar nur ein Mann Cher perfekt doubeln kann) war eine blonde selbsternannte Transe, mit schillerndem Paiettenkleid in Dunkelblau, darüber einem buntem Jäckchen mit Federnbesatz, orange leuchtete es auf den Lippen und was der Tuschkasten hergab wurde als Lidschatten unter die hoch gesetzten Augenbrauen gepinselt…

Und ich musste feststellen, dass eine gewissen Ähnlichkeit zu einer meiner Tischdamen bestand, insbesondere was den Hang zur Farbe in Sachen Augen-Make-up an belangte. Des Weiteren stellte ich fest, dass ich ein garstiges Wesen bin, aber beide Neuerkenntnisse teilte ich nicht mit den Anwesenden.

30Minuten vor Ende war noch eine kurze Pause, die von einer einzelnen Person genutzt wurde für Eigenreklame, denn schließlich sei der ganze Abend, ja ihre Idee gewesen und sie fände ihre Idee ganz wunderbar, die Show sei schließlich der Hammer (und das war sie auch), das Cafe Wien so ein netter Einstieg, das Geburtstagswesen erfand keine Erwähnung, dafür aber der Käseteller. Der Käseteller begleitete uns durch den Abend (aber ja, er war gut).

Eine weitere schwierige Entscheidungsrunde fiel an, nachdem das Pulverfass das letzte Mal die Beine in die Luft geschmissen hatten, die Brasilianerin noch eine Runde im Glitzerfummel gedreht und der falsche Matrose sich unter Zuhilfenahme einer vielleicht 20-Jährigen dunkelrot aufleuchtenden Südtirolerin zur Gänze aus dem weißen Anzug geschält hatte: Ein Absacker irgendwo auf dem Kiez. Man war unentschlossen, denn spontane Programmpunkte kann man vorher schlecht planen und so schob ich meinen Vorsatz, mich als Jüngste heute dem Mitläufertum zu widmen, zur Seite und wir gingen in die St. Pauli Bar.

Miss Nose-up besaß nur noch Hongkong Dollar (was sie beinahe vergessen hatte) und so zog ich mit ihr los zum Geldautomaten, es war kurz nach Mitternacht und scheinbar hatte halb Hamburg nur noch Hongkong Dollar, die Schlange schien endlos. Ich ließ sie stehen und ging drei Seitenstraßen weiter zu meiner Bank. „Sei bloß vorsichtig…“, wurde mir hinterher gerufen, ich musste etwas schmunzeln. Das Getränkegeld in der Tasche fand ich (unbeschadet) Miss Nose-up wieder, die immer noch wartete, allerdings inzwischen nur noch mit drei Angetrunkenen vor sich.

Die drei Angetrunken überbrückend, erzählte sie mir vom internen Firmenumzug und der Büroproblematik. Für die Organisation vom Umzügen und Büroausstattung ist ebenfalls Frau Dominanz zuständig, unsere Abenddiktatorin hatte wohl für ein winziges Büro drei Tische eingeplant, um diese drei Tische anständig zu besetzten hätte die Zimmertür immer offen stehen müssen, die andere Alternative wäre gewesen, dass zwei der drei Kollegen über einen Tisch hätten klettern müssen. Der unterstützende Handwerker erlaubte sich darauf mit dem Halbsatz „Ich denke…“ einen Vorschlag machen zu wollen, doch das Unternehmen schlug fehl. Frau Dominanz wies ihn an, das Denken denen zu überlassen, die zum Denken fähig seien. „Können Sie sich das vorstellen?“, ich konnte…