Archiv für Juni 2011

Tagesantigeräusch…

Juni 27, 2011

…Plastiklöffelkratzen auf einem nicht schmelzen wollendem Kratzeis.

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Elektronikmissverständnisse

Juni 26, 2011

Schön diese neue Zeit, diese neuen Medien, die es uns ermöglichen miteinander zu reden, ohne miteinander zu reden.

 

Unschön, diese neuen Medien, weil die Missverständnisse oft nicht kleiner, sondern größer werden. Immer erreichbar sein, heißt in jeder Laune erreichbar sein und selbst, wenn man gar keine Laune hat oder vielleicht sogar mehr gute als schlechte, wenn man auf der Skala von Positiv nach Negativ geht also eher im Bereich 60 Plus ist, bedeutet das nicht, dass das Gegenüber, das gar nicht gegenüber, sondern vor irgendeinem anderen elektronischen Postversendungssystemen sitzend, die 60 Plus (von hundert gesamt und 0 gleich ganz mies gelaunt) erkennt. Sondern – und das ist doch der springende Punkt – irgendetwas wahrnimmt schätzungsweise Zickigkeit oder Pissnelkigkeit oder sonst irgendetwas ähnlich Ungalantes. Und dann läuft die ursprünglich charmante elektronische Konversation aus dem Ruder oder erfährt eine prompte Stoppung (durch das Gegenüber dessen Laune unbekannt ist) durch eine Floskel, die sich nett liest, aber sich wie eine Retour-Zickigkeit liest.

 

Zusammengefasst: Ahhh!

Irgendwas : 1 und German ja-Aberness

Juni 20, 2011

Die Friesin ist kopflastig, da nehmen wir uns nichts. Ein Wunder, dass unsere Nackenmuskulatur all diese schweren Gedanken trägt und unser Kopf nicht alle paar Stunden zwecks Überlastung nach vorn in Buchstabensuppe, auf eine Tastatur oder sonst irgendwas Alphabetlastiges fällt.

Aber die Nackenmuskulatur hält, ebenso wie die Zweifel der Friesin.

In diesem Sommer mimt sie den Hochzeitshopper, zusammen mit ihrem Freund, der dann immer glasige Augen kriegt, was der Friesin den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Da werden auch Drohungen ausgesprochen: „Wehe, du fragst mich…“

Der Friesinnenfreund erträgt es – wie immer – mit entspannter Gelassenheit und massig Liebe, denn er weiß, dass sie ihn auch liebt, nur etwas länger braucht. Alle wissen das, auch die Friesin – zumindest meistens.

Alles ist gut? Oder?“, frage ich und erhalte ein überlegtes „Ja, aber…“

Sie schmunzelt, über sich selbst. German ja-Aberness fällt ihr wieder ein und ein Freund, der das mal sagte: Typische German ja-Aberness. ‚Ja’ für hundert Prozent und ‚aber’, weil Rückschritte Platz für, ja für was eigentlich lassen. Vielleicht Platz um über Perfektion nachzudenken. Perfektion ist wohl das Unerstrebenswerteste, was man erstreben kann und es doch tut. Der Friesinnenfreund ist herrlich unperfekt, als hätte man in der „der-perfekte-Mann-für-die-Friesin-Backmischung“ etwas Salz weggelassen, aber die Friesin mag Salz.

Irgendwas : 1. (Biosoftware sucht)

Aber Salz ist nicht gut für die Friesin, irgendwie weiß sie das. Tief in sich drin weiß sie, dass der Geschmack von Salz dieses spannende Kribbeln auf der Zunge macht, aber dann unersättlichen Durst und Übermineralisierung folgt und all das ist auf lange Zeit nicht gut. Der unperfekte Friesinnenmann ist also perfekt für die Friesin, aber manchmal – und das ist wohl menschlich – erhoffen wir uns von unserem gegenüber Dinge, die nicht gut für uns sind, weil wir sie aufregend finden oder spannend oder irgendetwas anderes, was auch überbewertet ist.

Die Friesin ist glücklich. Glücklich mit Panik vor Endgültigkeit. Aber selbst Hochzeiten sind nicht endgültig. Diese Erkenntnis hilft. Auf dem Heimweg sprechen wir über Kleider, Kuchen, Hochzeitslocations und dass wir zum Jungesellinnenabschied lieber einen Tag ins Hammam gehen als uns in pinken Shirts über den Kiez schicken zu lassen…

3:1

Juni 14, 2011

11 + 7 = 18

9 – 7 = 2

6 + 5 = 12

3 + 4 = 7

17 – 4 = 13

Wenn Sie so ticken, wie fast alle Menschen, dann werden Sie kaum feststellen, dass da vier richtige Rechnungen sind, sondern eher feststellen, dass da eine falsche Rechnung ist. Ich las, dass das ein genetischer Urinstinkt ist um Gefahren schnell zu erkennen und sie umgehen zu können. Das ist Biosoftware anno minus 2000 vor Christus. Heute: Das umtrainierte Gehirn erkennt schnell die Unregelmäßigkeiten, Widrigkeiten, Unschönheiten und Fehler des Lebens, die Masse der (Rest)Schönheiten übersehen wir schnell.

3:1 eigentlich 4:1

Meine Mädelstruppe ist super. Bis auf Nathalie. Nathalie ist täglich zu spät, meist nur wenige Minuten, aber doch täglich, bei freiwilligen Aktionen erscheint sie nicht – aber wer will ihr das zum Nachteil machen – und Samstag ebenfalls nicht.

Samstag = Projekt als Pflichtveranstaltung bis mittags um eins. Ich bin wütend. Das ändert sich auch nicht als Vinzenz mir beim Mittagessen erzählt, dass sie sich ganz fürchterlich schlecht fühlt und krank ist. Das ändert nichts, denn ich weiß längst, dass sie bis morgens um sechs feiern war. Feiern ist okay, aber nur wenn Aufstehen und zum „Unterricht“ gehen folgt. Ich krieg fast ne Stirnzornfalte, als sie abends aufgetakelt beim Grillen auftaucht und ihre Abendgestaltung in Hörweite plant…

Nathalies Abendgestaltung dreht sich um Jungs, Party und damit verbunden sicherlich auch etwas Alkohol, vielleicht auch etwas mehr. Ich halte mich zurück und sehe wie die Internatsgesellschaft mit den Augen rollt. Als Nathalie geht werde ich prompt interviewt, was ich denn davon halte, von diesen aufgetakelten Mädchen, die immer Jungs und Party im Kopf haben (das Schwänzen hat  sich rumgesprochen). Und diese Frage ist wie ein Spot.

Spot an: „Ich denke, dass aufgetakelte Mädchen, die immer nur Jungs und Party im Kopf haben, das gleiche suchen wie alle anderen…“, und ich denke an meine Fastlehrervorbildfunktion „Sie suchen die Liebe, nur vielleicht mit den falschen Mitteln  und auf den falschen Wegen, denn insbesondere auf einer Schule mit rund 70 Prozent Jungs hat man es als hübsches Mädchen, das wenig Selbstbewusstsein hinter massig Glitzer versteckt, nicht immer leicht den richtigen Weg zu finden…“, antworte ich weise wie der Dalailama und habe selbst mich überzeugt. Nun wieder milde, sehe ich die umsitzenden Schüler seriös nicken. 100 Punkte, Weisheit mit Leuchtstift anmarker, Dalailamamodus – jiepiieh!

Drei Perlen zu einer trotz Glitzer nicht ganz so glänzenden. Guter Schnitt, mehr als halb voll, wenn man noch Paolina – meine Adoptivprojektlerin – dazurechnet: Vier zu eins, nicht mal ganz eins, denn Nathalie gelobt Besserung, arbeitet konzentriert und motiviert, sozusagen viereinhalb zu 0 Komma 5, das Glas ist bis auf einen Schluck noch voll, die Röcke fertig, das Leben schön.

reizend

Juni 12, 2011

Man kann reizend mit einem genervt-sarkastischem Unterton sagen, in diesem Fall ist reizend , aber ein schlichtes, einfaches Reizend.

Unweit von „meinem“ – für die Projektwoche annektiertem – Kunstraum ist der Shop. Der Shop ist weniger ein Laden mehr eine Kneipe, eine Schulkneipe. Der Shop wird renoviert. Ein weiteres Projektwochenprojekt. Alex leitet das Projekt, Alex ist 18 und Schüler „der erste Schüler seit acht Jahren, der ein Projekt leiten darf…“, betont er mit unüberheblichem Stolz. Vor acht Jahren – das war zu unserer Zeit – ich erinnere mich nicht, weder an das Projekt noch wer es leitete.

An Alex werde ich mich erinnern, an ihn und an den Rest der Truppe. Paul, Stefan, Joy und Issy.

Ab Tag drei habe ich Halskratzen, Sommerrotz, das kommt davon, wenn man in glückseliger Sommererwartung ohne Jacke reist. An Tag vier ist die Stimme weg. Nicht gut.

Die schmecken bitter, helfen aber, dazu noch die gegen den Geschmack, ansonsten aber null Wirkung und Lemocin für zwischendrin.“ Alex überreicht mir dreimal Lutschtabletten. „Ich darf das, bin in der Sani-PA…“, antwortet er auf meinen fragenden Blick. Sani für Sanitäter und PA für praktische Arbeit, ein Dienst an der innerinternatlerischen Gemeinschaft, jeder braucht eine. Alex hat drei.

An Tag fünf wollen wir nach Fulda zum Stoffkaufen. Paul, der Alines Nesselrock schon ohne Aline so toll findet, dass er angeboten hat, sie zu heiraten, kommt nach dem Frühstück und bietet sich als Fahrer an, nicht ohne zu betonen, dass er ein sicherer Fahrer ist. Und so gelangen wir mit knapp fünf bis zehn kmh über erlaubter Geschwindigkeit heil und sicher nach Fulda und mit Stoff auch wieder zurück.

Nachmittags an Tag sechs fährt mich Stefan ins Dorf zum Eiskauf – muss auch mal sein – und abends kocht Issy. Meine Gruppe ist eingeladen. Es gibt Nudelauflauf und Kuchen, fantastischen Kuchen. Abends einen Tag drauf leistet mir Joy, eine kleine flippige Rothaarige aus der 10, beim Reißverschlusseinnähen in der Kunst Gesellschaft und erzählt frische Internatsgeschichten.

Reizend, schlicht und einfach reizend.

Schönheit in Nessel

Juni 10, 2011

Der beste Moment: Aline vorm Spiegel im Nesselrock und auch wenn Nessel weit davon entfernt ist schön zu sein oder dem Träger Schönheit zu vermitteln, steht sie da mit glänzenden Augen zwischen alten, leicht angeranzten, wenig inspirierenden Werken inzwischen vergessener Schüler und ist schlicht wunderschön. „Er sitzt recht gut…“, es scheint mehr eine Frage als eine Aussage. „Er sitzt wunderbar!“, nuschle ich Stecknadelköpfe zwischen den Zähnen und hab fast Pipi in den Augen, jaja theatralische Momente und so.

Ich bin stolz, stolz wie Oskar und Bolle zusammen, sicher stolzer als die Mädels, auch wenn das fast nicht möglich ist.

Vorgestern – Freitagvormittag – haben sie das erste Mal an Nähmaschinen gesessen. Hochkonzentriert, die Hände in das Teststück Stoff geklammert „führen, nicht halten“, gespenstisch ruhig bis auf ein „Oh mein Gott.“ – alle drei Minuten, „…wenn’s zu schnell wird, Fuß vom Gas wie im Auto…“ mit einem Augenzwinkern. Geraden, Kanten, Kreise, dann Abnäher, Zunge zwischen den Lippen, gefühlte zweihundert Mal Einfädeln – übt. Dann ans große Reale. Grundschnitt erst klein, dann eigene Größe, erst Papier, dann wieder Nessel, sechs Abnäher – harte Schule, rechts auf rechts, dann Anprobe, dann Anpassen, zwischendurch Design und wieder Schnitt diesmal Marke Selbstdesign…

…immer dabei, die Angst zu scheitern, ihre lauter meine leiser, aber nicht minder nervig. Unbegründet: Ich kann das gut, sie auch.

Urlaub als Sachspende

Juni 8, 2011

Hessisches Mittelgebirge; Kurven, die nicht umsonst Bobkurven heißen; Moritz ächzt; im zweiten Gang, gefühlt rückwärts rollend; Geräusche wie ein Ferrari machend – flachlandverwöhnter Kleinwagen kämpft…

Sieg.

Sieg und das mulmig-nervöse Gefühl, von Heimkommen und Fremdsein. Ich weiß wo hier die Tassen stehen, aber ich kenne keinen. Ich bin anfällig für theatralische Gefühle und für alle anderen auch, es gab schon dramatischere Ankünfte, aber auch andere. Unter mein theatralisch-dramatisches Gefühl mischt sich standartmäßig Nervosität und unüblicherweise gesunder Respekt vorm Unterrichten. Unterrichten!

Letztes Jahr um diese Zeit, vielleicht geringfügig früher, habe ich einen sozialen Gedanken habend – und soziale Gedanken sollte man nehmen wie sie kommen, denn niemand weiß so genau um deren Haltbarkeit – beschlossen etwas zurück zu geben. Ich gebe ungern Geld vielleicht, weil das alle können; vielleicht, weil es dazu lockerer sitzen könnte.

 

Ich spende Zeit, Wissen und Tatkraft, ich spende mich für eine Woche. Ich im Urlaub als Sachspende sozusagen.