Archiv für August 2010

wie ich zur Heldin wurde

August 26, 2010

Das Leben ist ruhig, kein Lüftchen weht, es ist so windstill, dass ich im Wind meines eigenen Atems stehe.

Was ganz klar eine Lüge ist, es ist nicht windstill, die Sommerreste führen zu gebogenem Baumspitzen, zu gespenstischem Rascheln und zum Flattern meiner Sonnensegel, die inzwischen ziemlich unnütz sind.

Ich habe keine Höhenangst, nur einen gesunden Respekt in der Magengegend. Die Sonnensegel flattern, die Halterungen am Dach ächzen und quietschen als würde man sich in eine Wanne voller Katzen legen. Das liegt daran, dass sie aus Metall sind. Es ist grausam, so grausam, dass ich Angst habe die Nachbarn werden mich umbringen, denn der Katzenjammer ist laut, ich höre ihn übers Dach hinaus bis hinein in mein Schlafzimmerfenster, welches auf der anderen Seite der Wohnung liegt.

Aus reiner Angst vor dem Tod durch die Nachbarn und so (vielleicht doch ein bisschen auch auf Grund des Nervfaktors) steige ich auf den Balkon. Ich trage ein wenig charmantes Nachtbekleidungsoutfit, mit dem ich garantiert keinen Schönheitspreis gewinnen werde, aber die Nacht ist dunkel, zumindest relativ dunkel. Ich klappe die blaue Metallleiter auseinander, der Wind wölbt mein Sonnensegel bauchig. Ich steige drei Stufen empor und weiter, bis ich oben stehe, wieder Sonnensegelbauch, der Wind zerrt, dicht neben meinem Ohr vertrautes Katzentretmetallquietschen. Ich klammer mich an den Karabiner, Leiterhöhe, plus Körperhöhe ergibt Unfallhöhe größer gleich Balkonbreite gleich Tod.

Ich steige die Leiter herunter. Der Wind verlacht mich, die Karabinerkatzen wimmern, ich beuge mich über das Geländer, stille Tiefe. Ich strecke meinen Arm aus wie ein Ertrinkender nach einer Holzbohle nur in die falsche Richtung, mein Arm greift nach der Geländerhalterung der Sonnensegels, zur Nichtverengung der Balkonfläche circa 50cm außerhalb meiner Balkonbohle, 50cm mitten in der windigen Nachthimmeldunkelheit. Das Halterungs-L wackelt im Wind, der Sonnensegelbauch intensiviert diese Wirkung. Toll, dass ich superhaltbare Doppelknoten machen kann, weniger toll, dass ich sie 50cm außerhalb meines Balkons an dem Ende eines „L“s machen musste. Endlos scheint es, Haare, Gesicht, Wind, dann der Knoten löst sich, Sonnensegel, Gesicht, Haare, Kuddelmuddel. Ich rudere zurück auf den Balkon überall Sonnensegel in finsterster Nacht, ich rudere mich frei.

Der Segelvorhang verdunkelt nahezu die gesamte Fensterfront meines Wohnzimmers, ich ignoriere das, erklimme dir Leiter, sie könnte sicherer stehen, ich bin zu kurz, das Dach in nahezu unerreichbarer Höhe, ich erklimme die oberste Stufe, eine pseudosichere Plattform, meine Hand klammert sich an den Fensterrahmen, meine zweite Hand fischt nach den Karabinern, der Blick gen Horizont, angeblich soll sich das positiv auf den Gleichgewichtssinn auswirken. Etwas auf die Zehenspitzen und der Karabiner ergibt sich mir, wandert in meine Hand, Triumph im Kleinen. Zwei Karabiner to go, meine Schattensilhouette malt seltsame Bilder, die Nachbarn von gegenüber schauen: Nachhemdgestalt auf Leiter im Kampf mit Sonnensegel.

Und sie gewinnt. Sonnensegel null, Lies von Lott eins, Katzenkarabinergeheulende.

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vier Bücher und ein Münchenflug

August 20, 2010

Ich habe vier Bücher gekauft, sie waren runter gesetzt und so habe ich mich zum Stückpreis von 2,99Euro nicht in den Ruin getrieben, eins der vier Bücher ist über Hamburg ein weiteres über München.

Buch ist gekauft und Flug ist gebucht.

München also und immer wieder München, man könnte denken, dass ich in diese Stadt verfallen bin, aber eigentlich stimmt das nicht. München und ich teilen uns Yvönnsche und so führen ihre Flugreisen sie in die nördlichste und meine mich in die südlichste Großstadt Deutschlands.

Obwohl ich Großstadt für München etwas übertrieben finde, ich finde eine Stadt, in der die U-Bahn noch Tram heißt, holzvertäfelt ist, dessen Außenseite ein kleiner Franziskanermönche in der Kunstrichtung naive Malerei ziert und mit der man binnen 23 Minuten vor der einen Endhaltestation zur anderen fahren kann, diesen Begriff nicht wirklich verdient hat. Auch wenn ich weiß, dass sich durch die se Aussage die Wahrscheinlichkeit durch ein Gemsengeweih im Rücken umzukommen extrem erhöht: Mir erschließt sich die angeblich allgegenwärtige Schönheit Münchens nicht.

Jeder scheint jeden zu kennen, mit ihm verbenachbart, familiär verbandet, befreundet oder arbeitstechnisch verbunden zu sein, man bekommt das Gefühl, so lange man nicht beim Bäcker irrtümlich Schrippen bestellt hat man die Möglichkeit binnen eines Wochenendes 90 Prozent der Münchner kennen zu lernen, der unbekannte Rest befindet sich auch einem Wochenendtrip in die Alpen.

Großes Kleinstadtidyll oder kleines Großstadtidyll…

Wie auch immer, der Flug ist gebucht, das Buch gekauft, ich lese mich in die Materie ein und überlege mir zur Anpassung an die süddeutsche Bevölkerung ein Dirndl zuzulegen, denn erstens) ich kann es tragen und zweitens) gibt es in Hamburg erstaunlicherweise ein gut sortiertes Trachtenfachgeschäft und dann München, ich komme.

*Freufreu*-Post

August 19, 2010

Ich schaue nicht täglich in meinen Briefkasten, denn ich kriege selten Post, sehr selten und noch viel seltener richtige *Freufreu*-Post.

Vor zwei Wochen war Briefkasten-*Freufreu*-Woche. Im Zweitagtakt gab’s Tolles, also immer einen Tag Post und einen Tag Zeit zum Freuen. Montag gab’s Post vom Amt, was eigentlich nicht wirklich was Gutes ist, es sei denn es handelt sich um die Steuerrückerstattung. Rückerstattung ist wirklich ein schönes Wort und eine noch viel schönere Sache und auch wenn ich von der ersten Millionen noch fast eine ganze Million entfernt bin, antworte ich auf die Frage meiner Oma, was ich denn mit dem Geld anstellen wolle: „Ich lasse es mir in Zwei-Cent-Stücken auszahlen, fülle es in ein Planschbecken, springe rein und genieße das Gefühl von unerhofftem Reichtum.“

Am Mittwoch gab’s Langersehntes aus München. Nämlich massenhaft Fotos von der ehemaligen Ringelstrumpfelfe, was viel Euphorie im Freundeskreis auslöste.

Und Freitag schlussendlich gab’s Fisch. Nicht nur in der Kantine (da gibt’s Freitag nämlich auch meist Fisch oder HotDogs, wenn diesen Wechsel auch niemand ganz nachvollziehen kann), sondern auch im Briefkasten, so schrieb Paula Q., dass ein Fisch im hohen Norden doch besser aufgehoben sei als auf der Alm und so wurde aus ihrem Freitagsfisch, mein Freitagsfisch, der inzwischen von links nach rechts durch meine Wohnung schwimmt, in schickem Grün sogar noch ganz herrlich zur Einrichtung passt und massig Eindruck schindet…

Feenfest…

August 8, 2010

…und endlich auch mal ein Rückblick in Bildern, in lang und heiß ersehnten Bildern (Danke an die Senioren in Kleinpferdchendorf für die Deko; Danke an Mutti für all die Hilfe und den Hollunderblütenlikör, der wegging wie Bananen im Osten; Danke Yvönnsche für die Kamera und für die Helping Hands, ebenso an alle anderen helfenden Hände; Danke an die Gäste für dieses glorreiche Fest):

der Schmied mit Hilfe gegen flammendes Inferno im Hintergrund (und fürs Protokoll geraucht wurde nur draußen)

Räuber Hotzenplotz

Rotkäppchen und der böse Wolf, ach nein das böse Dracula-Rotkäppchen und der Deko-bestückte Wolf

das Schmetterlings-Ich

Yvönnsche, die Ringelstrumpfelfe (Ringelstrümpfe leider nicht im Bild, dafür aber eine brisante Likör-Sekt-Mischung in der Hand)

gefallener Engel namens Prof. Dr. Dr. Bärchenstreich

magic moments kurz nach drei

Vorsicht giftig und so schick dabei

101mal Dinge, nach denen niemand gefragt hat

August 6, 2010
  • 1. in meinem Badezimmer sind immer mindestens zwei Zahnbürsten in Benutzung
  • 2. die elektrische nicht eingeschlossen
  • 3. ich mag das immergleiche Zahnbürstengefühl nicht, daher mein Hang zum Wechseln
  • 4. ich habe keine Furcht vom Zahnarzt
  • 5. wohl aber gesunden Respekt
  • 6. und so ein Gefühl, wie wenn die Polizei neben einem fährt, so ein Hab-ich-was-angestellt-Gefühl
  • 7. das ich keine Angst vorm Zahnarzt habe, verberge ich gut
  • 8. insbesondere vor meinem Zahnarzt
  • 9. dieses Jahr war ich schon zwei Mal beim Zahnarzt
  • 10. beide Male war alles gut – tataaaaa-Gefühl
  • 11. bis ich halb fünf war, war ich schwarz-weiß
  • 12. Kinderfotos können das beweisen
  • 13. auf circa neunzig Prozent meiner Kinderfotos bin ich nackig
  • 14. das liegt daran, dass ich große Strecken meiner Aufwachszeit am FKK-Strand verbracht habe
  • 15. auf allen anderen Fotos ist Feiertag und ich esse
  • 16. ich liebe Feiertag
  • 17. sogar Ostern, dessen Sinn mir nie nahe sein wird
  • 18. zu Ostern und zum Nikolaus gibt es innerfamiliär Strümpfe und Schlüpfer
  • 19. Opa findet das Wort Schlüpfer nicht besonders charmant
  • 20. insbesondere dann nicht, wenn ich es „Schlüppaaaaah“ ausspreche
  • 21. gegen Strümpfe ist nichts einzuwenden
  • 22. auch wenn ich Nylonstrümpfen – wenn sie nicht bis zur Mitte des Oberschenkels reichen – nichts abgewinnen kann
  • 23. bunte Strümpfe hingegen sind toll
  • 24. auch an Fußballerwaden
  • 25. denn die habe ich in dem Ausmaß, dass ein jeder Mittelfeldspieler neidisch wäre
  • 26. es gab sie von Mutti
  • 27. obwohl die ihre eigenen behalten hat
  • 28. ich schätze, dass ist genetisch
  • 29. das etwas genetisch ist, ist meine Standartausrede
  • 30. insbesondere wenn es um Garstigkeit geht
  • 31. sollte Garstigkeit mal olympisch werden, werde ich Spitzensportler
  • 32. meine aktuelle Lieblingscharmingbeleidigung lautet: „Ach, du bist also auch so ein Lebenslegastheniker.
  • 33. Schön nicht?
  • 34. Und so subtil!
  • 35. mein Internetlexikakonsum hat sich durch mein Bloggen stark erhöht
  • 36. auch bei gewissen Schreibweisen bin ich darauf angewiesen
  • 37. beispielsweise kann ich Portemonnaie auf so viele verschiedene Arten falsch schreiben, dass mir Word und seine Rechtschreibprüfung wahrscheinlich auslachen und vielleicht auch deshalb kein richtiges Ergebnis ausspucken
  • 38. ich rede wie ich schreibe
  • 39. zumindest fast
  • 40. auf jeden Fall aber viel
  • 41. ich kann nicht besonders gut zuhören
  • 42. und die meisten meiner Ratschläge beginnen mich „Also, als ich ein ähnliches Problem hatte…
  • 43. nicht immer ist das ähnliche Problem wirklich ähnlich, was mir aber zu spät auffällt
  • 44. wie auch immer eine fürchterliche Angewohnheit
  • 45. ich arbeite dran
  • 46. zumindest wenn ich dran denke
  • 47. ich habe die Erfahrung gemacht: Denken hilft nicht immer
  • 48. ich mag die Haut auf Schokoladenpudding
  • 49. die auf Milch aber nicht
  • 50. von richtiggehendem Ekel kann man aber auch da nicht sprechen
  • 51. mir wird nachgesagt, dass ich nicht gerne küsse
  • 52. aber ich küsse gerne
  • 53. sehr gerne
  • 54. aber es muss passen
  • 55. und das macht es schwierig
  • 56. das und siebenhundertfünfundzwanzig andere Sachen
  • 57. ich kenne jemanden, der küsst wie ein Helikopter
  • 58. nach zwei Gin habe ich ihm das auch mal mitgeteilt
  • 59. zur Verdeutlichung machte ich folgendes Geräusch: Lödellödellödel!
  • 60. ich hätte gerne einen anständigen Unterschriftenkringel
  • 61. habe ich aber nicht
  • 62. stattdessen (und das ist auch nicht übel) habe ich eine gerade kugelige Schrift, die sehr klein ist und massenhaft Informationen auf Miniklebezettel bekommt, und eine Sonntagsschreibschrift für besondere Anlässe
  • 63. jede Grundschullehrerin wäre neidisch (schon die zweite neidvolle Berufsgruppe, das häuft sich)
  • 64. Lehrerin wäre Option 2 in Sachen Berufswahl gewesen, aber nicht für Grundschüler
  • 65. vielleicht auch die bessere
  • 66. ich mag den Satz „Was kostet die Welt an verregneten Sonntagen?“, konnte ihn aber noch nirgens sinnvoll verwenden, in schöner Sonntagsschreibschrift sieht er besonders schön aus
  • 67. ich bin nicht sonderlich fotogen
  • 68. und ich finde diese Menschen, die auf Fotos immer genau wissen wie sie zu gucken haben um strahlend glücklich und berauschend schön auszusehen schon ein bisschen beneidenswert
  • 69. besonders unfotogen bin ich, wenn ich weiß, dass ich fotografiert werde
  • 70. es gibt genau einen Menschen, der es geschafft hat, mich wissentlich zu fotografieren und dabei Fotos zu schaffen, auf denen ich aussehe so wie ich gerne aussähe (kann irgendwer folgen?)
  • 71. Wiederholung wäre toll
  • 72. ebenfalls toll wäre, wenn Belletristik etwas mit Blumen zu tun haben würde
  • 73. dann könnte man in einem schönen Garten wandelnd sagen: „Was schöne Belletristik.
  • 74. einige Menschen denken, ich konsumiere regelmäßig Drogen
  • 75. Freunde sagen, ich sei naturell verstrahlt
  • 76. ich weiß nicht warum
  • 77. wohl aber das ersteres falsch ist
  • 78. noch nicht mal ein bisschen
  • 79. ich bin mir sicher Oma jubelt gerade (anbei: „Hallo Oma, falls du hier gerade liest und liebe Grüße nach Kleinpferdchendorf.“)
  • 80. Mit meiner Oma verbinde ich den Geruch von Kamill-Handcreme und den Geruch von Knöpfen, die lange in Dosen gelagert wurden
  • 81. juhuuu Knöpfe (ich mag Knöpfe)
  • 82. erstaunlich, aber wahr: Pinguine sind nicht meine Lieblingstiere
  • 83. gerne mag ich Igel
  • 84. und Elefanten
  • 85. ich nenne sie Ilifanten und weiß, dass das kindisch ist
  • 86. irgendwo las ich mal, dass man drei Tiere aufschreiben soll, ich schrieb: „1.Elefant, 2.Igel, 3.Panther.“
  • 87. in der Erklärung stand: 1. so sind sie, 2. so sind sie in zwischenmenschlichen Beziehungen, 3. so wären sie gerne…
  • 88. darauf hin änderte ich die Reihenfolge
  • 89. ich denke immer, ich sei leicht zu beschenken
  • 90. viele andere denken das nicht und so werde ich regelmäßig gefragt, was ich mir denn wünsche
  • 91. darauf antworte ich: „Einen Ilifanten!
  • 92. zum Glück werde ich ignoriert, denn die Vorstellung, dass sich in meiner Wohnung Plüsch-, Keramik- und andere Elefanten stapeln würden, erregt in mir Grauen
  • 93. leider werde ich ignoriert, denn einst bekam ich einen Lederelefanten und so sehr ich mir doch noch mehr Elefanten wünsche wird doch keine Herde draus
  • 94. ansonsten unterliege ich kaum den Herdenzwang
  • 95. wenn hunderte Menschen beispielsweise eine rote Ampel passieren, bleibe ich stehen
  • 96. das hat nicht zwingend was mit vorbildlichem Verkehrsteilnehmerdasein zu tun, sondern mehr damit, dass ich nicht einer von vielen sein mag
  • 97. am liebsten sind mir Ampelmännchen mit Hut, denn auch Alltagsgegenstände haben einen Anspruch niedlich zu sein
  • 98. ich wäre gerne zum Zerspringen glücklich verliebt
  • 99. aber ich bin skeptisch
  • 100. ob mir zum Zerspringen glücklich überhaupt liegt (!?)
  • 101. und zu guter Letzt frage ich mich noch was der Leser, insbesondere der mich nicht kennende Leser denkt, was ich sehe wenn ich in den Spiegel schau

der Feenfestaktionismus – Teil 8

August 4, 2010

Eine Rückblende und in Teil 8 alles über Operationen am offenen Autoherzen, mein Pantherdasein und wie man Hysterie und Panik mit trockenem Brötchen vom Markt vorm Konsum besiegt.

Es ist morgens und ich habe dank nächtlicher Näh- und Fusselarbeit nur semiviel Schlaf erhalten, aber wie gesagt ich bin aufgeregt und bei Aufregung reicht auch semiviel Schlaf.

Nachdem die Weckfunktion meines Handyweckers mich mit ihrem üblichen „Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein“ aus den Federn klingelt, schleiche ich mich einem Panther gleich durch die Räume meiner Wohnung um meinem Besuch herum wenigstens eine kleine Mütze voll Mehrschlaf zu gönnen als mir selbst. Ich bin ein langsamer Panther und keine Gefahr für schnelle oder auch langsame Beute, aber ich bin ein Panther und das Schleichen gelingt, ich verlasse kurz nach acht meine Wohnung ohne jemanden erweckt zu haben, um mal wieder Konsumgüter zu erstehen, die letzten, die nicht am Vortag zu erstehen waren, weil Bestimmtes vom Vortag eben auch schmeckt wie vom Vortag.

Ich nehme das Auto, denn ich bin ein langsamer, müder Panther und auch zwei Ecken sind heute nur via Auto zu bewerkstelligen. Es ist Markttag vorm Konsum, aber ich kaufe drinnen, Baguettebrot für fünfzig Cent das Stück, ich nehme dreizehn, dann sind sie ausverkauft. Triumphal gehe ich zurück zum Auto verstaue das Brot im Kofferraum und werfe diesen dann schwungvoll zu immer wieder begeistert, dass ich das mit dem innen dafür vorgesehenen Ziehhebel kann ohne Händedreckigmachen oder Fingerklemmen, mit einem lautem „Klack“ schließt der Kofferraumdeckel und ich habe nichts in der Hand außer meinem Handy und dem Portemonnaie, von drinnen auf der Kofferraumablage lächelt mich entzückt der Autoschlüssel an.

Der einzige Autoschlüssel.

Ich entwickle Schnappatmung und ziehe an der Kofferraumklappe, obwohl ich weiß, dass das zwecklos ist, ich ziehe erneut. „Wahnsinn ist wenn man immer wieder das Gleiche tut und eine andere Reaktion erwartet…“, fällt mir ein, ich ziehe erneut, nichts passiert. „Nur nicht heulen.“, hämmert es mantraähnlich durch meine Gehirnwindungen, der Autoservice neben dem Konsum öffnet in 17 Minuten, ich warte. 17 Minuten später passiert nichts, kein rettender Handwerker erscheint, niemand erscheint… Langsam kommt sie, die Panik, ich schlucke sie runter mit Hilfe eines Brötchens diesmal vom Markt vorm Konsum, nicht vom Konsum selbst. Ich schleiche um den Autoservice, der aussieht als wäre dort seit den 70ern niemand mehr gewesen und als hätte dort seit den 60ern niemand mehr geputzt, aber auch das ändert nichts.

Hysterie und Panik weiterhin mit trockenem Brot bekämpfend stiefle ich nach Hause, wecke Yvönnsche durch Klopfen ans Küchenfenster (auch dieser Schlüssel liegt im Auto), sie fragt nach meinem Haustürschlüssel und als ich ihr mein Leid klage, antwortet sie mit der einzig wahren und richtigen Antwort, nämlich: „Scheiße!

Scheiße trifft es, aber besser trifft sich, dass Yvönnsche Mitglied im ADAC ist, was ihr kurz nach Scheiße einfällt und meine Tagesrettung ist.

Circa dreißig Minuten später erscheint der ADAC und ich bin froh, dass wir kein hochmodernes, drillionenfach abgesichertes Auto haben. Ich nehme an einmal schwungvoll gegen die Tür drücken würde reichen, aber so einfach ist es dann doch nicht, der japanische (glaube ich zumindest) Autobauer hat sich Mühe gegeben, das Auto sieht aus als wäre es leicht zu haben, hervorstehende Türknöpfe mit Rillen, in denen ein Autoaufknackdraht gut haften könnte, aber Moritz ziert sich. Bei der vierten Tür bin ich der Hysterie so nahe, dass ich am liebsten die Augen zumachen würde und beten, aber nicht kann erstens weil ich nie bete und zweitens weil Augen zumachen wirklich nicht drin ist. Dann das Wort „aufstemmen“  und habe die wüstesten Ideen. Es kommen Geräte zum Einsatz, die eher eine Operation am offenen Herzen vermuten lassen als ein schlichtes Autoöffnen und so fühle ich mich auch, wie auf dem Podium der Assistenzärzte mit Blick auf den Operationssaal (ich muss meinen Arztserienkonsum einschränken), ich kralle mich in Yvönnsches Unterarm, sie tätschelt meine Hand, „weiter links“ koordinieren wir den Mann vom ADAC durch die Beifahrerscheibe „und etwas mehr nach unten“, endlich hat der Greifer den Ziehhebel für den Kofferraum erhascht, einmal rutscht er ab, beim zweiten Mal ein kleines „Klack“, ganz leise nur und der Kofferraum ist offen…

der Feenfestaktionismus – Teil 7

August 4, 2010

Eine Rückblende und in Teil 7 alles über wunderbare Häuser, zähe Übergaben, Umräumaktion samt Stuhlgeschleppe, hemmungsloses Poppen und Soljankaschüsselchenvolumina, was C-Moll und E-Dur im Konsum verloren haben, sowie Yvönnsches Käsefanatismus.

Überraschend ist etwas Zeit im Zeitplan aufgetaucht, nicht genug um Apfelkuchen zu backen – was auch noch aufm Zettel steht – aber doch genug um eine kleine Runde zu poppen, so verlagern Yvönnsche und ich uns in die Küche um vorm geöffneten Küchenfenster hemmungslos rumzupoppen, obwohl Nachbarn vorbei kommen erregt das kaum Aufsehen, denn wir sind angezogen, was beim Popcornpoppen auch keine Herausforderung ist.

Nur zwei Stunden später treffen wir am Haus aller Häuser, Ort aller Orte, den Mann, der uns so unglaublich viel erzählen und das auch tut, wo wir doch so in Zeitnot sind. Wartend steht der volle Moritz vor der Tür in einer Einfahrt, die nur zum Be- und Entladen befahrbar ist, immer wieder schaue ich gierig auf die rechte Hand des Mannes, aber es dauert doch 45Minuten und viel Wissen über Stühle, Lichtquellen, Fenster, Klaviere (nein, eigentlich nur eins), Heizungen, Küchenbenutzung und Co, bis der Schlüssel zum persönlichen Wochenendglück von seiner Hand in meine Hand gleitet.

Womit wir auch wieder bei den Stühlen wären, denn circa hundert Stühle stehen quer im Raum, der unser Saal werden soll und somit vor allem auch im Weg. Yvönnsche die Ringelstrumpfelfe, die ihr sonstiges Leben im Kreisflug durch Münchner Baustellen verbringt, packt kräftig an und nimmt immer gleich drei der Stühle, die wir zu Fünfertürmen stapeln.

Dann die Feststellung, dass ein kleines Auto haben oder geliehen zur Verfügung gestellt bekommen, eine tolle Sache ist, weil es schnell ausladbar und schnell einladbar ist, aber es auch einen Hacken hat, denn Platzvolumina kleiner Autos sind beschränkt und so fahren wir erneut einmal zur Mutter und einmal zum Konsum, ersteres wegen der Deko, an die ich ja unbedingt denken wollte, und zweiteres wegen der Getränke, an die ich unbedingt denken musste, weil getränkefreie Partys einfach keine Partys sind.

Yvönnsche sortiert mit gewohnter Akribie Getränke in Kühlschränke, während ich Lebensmittel verstaue, die Deko wird zwischengelagert. Es wird später und später, langsam kommt der Hunger, denn irgendwie reichen zwei Weinbergpfirsiche und zwei Handvoll Popcorn nicht als Tagesenergie…

Also wieder zum Konsum und wieder ein anderer und während das monotone Kassenpiepen uns dem KO-Zustand noch näher bringt, entdecke ich auf dem Namenschild der jungen attraktiven Kassenwärterin ein C. Dur, wobei das C. wahrscheinlich für Christine steht und ich mir die Frage, ob an der Kasse gegenüber E. Moll arbeitet nicht verkneifen kann. Gleichsam möchte ich mir auf die Zunge beißen, denn diese ewig witzigen Kundenfragen, die einen durch den Serviceberuf begleiten, zerren manchmal an den Nerven wie Kleinkinder an den Haaren und eventuell was dieser recht ungeistreiche Wortwitz (aber geistreich ist nach dem Tag eh alle) genau so ein Nervenzerrer, aber sie grinst und das nicht so als hätte sie die Frage schon mehr als zehn Mal gehört und die auch nicht alle heute. Wir verschwinden mit unseren Einkäufen, Tiefkühlware voll Käse.

Zuhause heizen wir den Ofen ein und lassen den Käse auf Fertiggerichten schmelzen, während wir für den kommenden Tag schnibbeln, irgendwann ist aller Käse verschmolzen und goldgelb mit Knusperrändern. Wir essen und Yvönnsche beschließt in der Küche zu schlafen, was vielleicht daran liegt, dass der ehemalige Freund das Wohnzimmer nimmt, vielleicht aber auch an der Tatsache, dass im Kühlschrank noch Käse ist.