Archiv für Dezember 2011

Jahresendeuphorieblues

Dezember 31, 2011

Nach viel Tumult ist die Stille stiller, selbst wenn das Radio an ist. Atemlos geht es zu auf ein 2012.

Vielleicht weil Abschiede nicht so meins sind oder weil zum Jahresende das, was so wünschenswert aussah, nun doch nihilistisches Verpuffung ist. Nichts weltbewegendes nicht ungeübtes, also doch nur Jahresendblues.

Alles gut.

Je öfter man das sagt, je weniger existent hört es sich an. Schweigen und nach oben gucken. Jahresrückblick, in den Terminplaner schauen, Fazit ziehen, Bilanz, fröhlich sein, hoffnungsvoll. Pläne haben. Lustig, was ein Tag – eine Nacht ändert.

Zum Himmel schauen, schwarz genießen, auf den 1. warten oder den 2., wenn die Nächte wieder schlicht schwarz ohne Explosionen sind und das Gefühl von der imaginären Aufgabenliste – 365 Tage, siebenhundert Aufgaben, auf der Suche nach der großen Erfüllung – getrieben zu sein, verfliegt oder im Alltag verloren geht. Das die herrschende Abschiedsstimmung, die uns alle übertrieben glücklich, gleichgültig, traurig, hektisch, was auch immer macht, nachlässt und wir wieder schlicht gewöhnlich sind. Ohne Jahresendfazit und Jahresbeginnvorsatz.

2012 wie 2011 nichts besser, nichts schlechter weil 2011 genug war. Ich bin unfrei davon und taumle von Euphorie in Jahresenddepression mit der Geschwindigkeit eines Taktangebers, voll von Plänen, Erwartungen, Hoffnungen – an mich, an 2012.

Zum Himmel schauen, schwarz erwarten.

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schlaf gut, Jo

Dezember 31, 2011

Als ich 2006 aufs Internat kam gab es einen Mann – Jo. Jo war eine sonderbare Art von Lehrer, aber Internate brauchen sonderbare Arten von Lehren. Er ging mit uns in den Wald, soweit ich mich erinnere war er Biolehrer. Mit einer Horde von vollpubertierender Sechstklässer wanderten wir auf der Laufrunde, gesäumt von mittelhessischem Grün. Jo erzählte welche Blätter, Pflanzen, Raupen essbar waren – mit Vorführung. Ich erinnere mich nicht, dass je einer seinem Vorbild nachgekommen ist, zumindest nicht was die Raupen angeht, aber alle erinnern sich an das Raupenessen. Dieses Raupenessen ist so tief im Gedächtnis verwurzelt, dass ich nicht beschwören könnte, dass Jo je wirklich vor mir eine Raupe gegessen hat oder ob es eher Kollektivgedächtnis ist.
Fakt ist – Raupen oder nicht Raupen – dieser Mann war so viel Teil des Internats, dass man den Teil weglassen kann. Jo war Internat. Selbst nach seinem Weggang spukt sein Geist in allem. Wenn ich die Sportpiktogramme der Tagesschau sehe, von denen gerüchteweise erzählt wird, Jo hätte die Idee oder die Grundskizze für sie gelegt; bei einem Blick auf die alte Hausordnung, die mit seinen kleinen Männchen geschmückt war und in jedem Schülerflur hin, er war eine Institution.
Institutionen sterben nicht. Und doch ist diese eingeschlafen, friedlich, ruhig und glücklich, wie seine Familie zu berichten wusste. Vielleicht – wie in meiner Erinnerung – immer mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Schlaf gut, Jo. Träum schön Jo.