Archiv für Dezember 2010

Studentenparties im mitternächtlichen Lissabon

Dezember 30, 2010

Gestern kamen doch tatsächlich die Karten aus Lissabon an… Und da der letzte Lissabonurlaubsteil seit Wochen unfertig auf meinem Rechner schlummert habe ich mir heute ein Herz gefasst. Also, für alle Texthungrigen und Lesemutigen:

Der Lissabonner Flughafen ist mit unhold. Ich bin gestrandet und fühle mich heimatlos.

Der Service, den Air Berlin für heimatlose Gestrandete anbietet, beläuft sich auf kostenloses Stornieren oder kostenloses Umbuchen, dass alle Hotels überbucht sind interessiert keinen. Ich bin ein eher sicherheitsbedürftiges Menschenkind und das mit ohne viel Schlaf (zwecks Vorhaben die Flugzeit zu verschlafen), mein Nervenkostüm ist angekratzt, ich möchte mich auf den Boden legen und in der Embryonalstellung weinen. Aber das gehört zu den Dingen, die nicht zur Auswahl stehen.

Stattdessen Anruf in Hamburg: Ja, es geht mir gut und ja, ich komm irgendwo unter.

Mal ausnahmsweise keine unnütze Panik verbreiten. Ich schlurfe zurück zum Flughafenbus, meine Tasche scheint pro Meter mindestens ein Kilo schwerer zu werden, neben mir steht ein anderer deutscher, gestrandeter Hostelmitbewohner. Ich mag ihn nicht, er trieft vor Langeweile. Yvönnsche ruft an, sie konnte auch nicht fliegen, ist jetzt aber im Radisson, Air France zahlt, es gibt Abendessen und Frühstücksbuffet, sie geht jetzt erstmal in die Wanne. Damit endet unser Gespräch, mehr Information als ich (obdachloses Etwas – Selbstmitleid juchhe) ertragen mag.

Unser Hostel empfängt uns (den trägen Mitgestrandeten und mich) wie eine Mutter ohne Brust. Lola ist auch noch da. Lola die Spanierin, die unlängst den Bus genommen haben wollte, der aber auch nicht fährt. Lola, die es schaffte aus Hannover the city to be zu machen und dort nach ihrem Studium zehn Wochen verweilte. In der WG des Fußballfreundes, der auch hier ist und keine Fanschals trägt, dafür aber Länderspiele in europäischen Großstädten sammelt. Sieben Tee und zwei Mails später bin ich immer noch obdachlos, obwohl nur noch begrenzt obdachlos, denn Jojo hat mir bereits zweimal die Couch im Fernsehzimmer und eine Decke angeboten. Ich bin dankbar und sehne mich nach einem Bett mit Kopfkissen, massig Kopfkissen.

Versinke, versinke, versinke...“, ich denke an meinen Kopf in beigewünschten Kopfkissen, das Märchen die Schneekönigen und die Frau mit dem immerblühendem Garten, die alle Rosen versinken lässt, damit Gerda ihren Kay vergisst. Im Sinne des Vergessen beschließe ich ebensolches vorrübergehen auf meine abendliche panikverursachende Eventuellobdachlosigkeit anzuwenden, wenigstens bis nach dem Abendessen.

Ein Käsequiche mit Lola später ergattere ich den letzten sehr begehrten unteren Platz in einem Hochbett unseres Hostels, inklusive Frühstück für 20Euro die Nacht. Womit bewiesen wäre Verdrängung hilft.

Air France und die Badewanne des Radissons haben mich zur Alleinreisenden gemacht.

Als Alleinreisende habe ich die Wahl zwischen Bett mit vorrangegangener Dusche oder einem Abend mit dem Fußballfreund, der sich als Retter der Alleinreisenden anbot und ebenso sich als Gesellschaft. Da ersteres die klügere Entscheidung ist stehe ich nicht ganz eineinhalb Stunden später mit dem Fußballfreund und zwei Flaschen Wein auf einer von Lissabons Anhöhen vor einem Haus und suche die Klingel. Es ist die Hausnummer 66 und in einer Straße, deren Hausnummeraufreihung mit chronologisch nichts zu tun hat.

Die Wohnung liegt ganz oben und ist so wie man sich Lissabonner Wohnungen eben vorstellt. Jedes Zimmer hat mindestens zwei Ecken mehr als es haben müsste. So besteht das Wohnzimmer aus einem schmalen Gang, der sich öffnet und etwas Fünfeckiges preisgibt. Der der perfekten Wand für ein Sofa sind zwei geheimnissvolle Türen, deren Inhalt selbst den WG-Bewohnern nicht bekannt ist, da der Inhalt noch der Vermieterin gehört. Diese wohnt aber ihrerseits nicht hier, erklärt die Räubertochter.

Die Räubertochter ist ein Drittel der WG-Belegschaft und feiert heute ihren Geburtstag nach, vor oder erneut. Ein Meter fünfzig grandioses Geburtstagsstrahlen in Schnürboots und etwas, was wie ein Blümchenkleid anmutet, zu roten Perlsteckern und Lachfältchen um die Augen, ihr schwarzes Haar steht kurios in alle Richtungen, sie tauscht unsere Weinflaschen gegen zwei Pappteller mit der Aufforderung uns zu bedienen.

Um mich rum englisches, deutsches, französisches und wenig portugiesisches Gemurmel der Auslandssemesterstudenten, die hier mitfeiern. Die Fenster sind mit Klebeband zugeklebt, damit der Wind nicht durchpfeift, vielleicht auch typisch Lissabon!?`Eine Heizung gibt es nicht, was aber heute nichts macht (Menschenmassen in kleinen Wohnräumen gleich positive Erwärmung des ebensolchen), erklärt mir eine charmante International-Journalism-Studentin, an ihrem Ringfinger ein Silberring mit einem Plastikwellensittich – Kategorie selbstgebastelt. Steffi oder Susanne oder ähnliches mit „S“ am Anfang kommt zwischen Glühwein eins und zwei, zwei und drei, sowie drei und vier vorbei und klinkt sich in unser Gespräch. Es ist lustig.

Nach der Aufforderung du solltest dir mal die Küche ansehen, sehe ich mir die Küche an. Ich finde einen ehemals offenen Kamin über einem amüsanten Ofen und recht vielen Provisorien, auf der anderen Seite ein offenes Fester und dahinter mal wieder amazing view, diesmal auf Christo.

Vor Christo sitzt ein Mann mit Fernsehbrille im Fensterrahmen. Nach einer minimalistischen Unterredung mit einem netten Franzosen und der Feststellung das mein englischer Wortschatz meinem Schlafdefizit zum Opfer fällt, schlängle ich mich von optionalen deutschen Gesprächteilnehmern zum nächsten. Der Mann mit der Fernsehbrille kommt aus Dresden. Es geht um Generation Praktikum, Lebenssinn, Törtchen aus Belem, Arbeitseinstellung und ähnlich tiefgründige Themen. Es gibt immer mal wieder eine neue Flasche Wein, ich bleib bei Cola, aber auch das hilft nichts, so dass mich der Fußballfreund gen eins zurück ins Hostel begleitet, wo mein Kopf endlich und im Sinne von versinke, versinke, versinke ins Kopfkissen fällt.



Advertisements

Lissabonner Satzteile zum Erinnern

Dezember 9, 2010

Ich möchte berichten:

  • von Öffnungszeiten, die relativ sind, und dass auch Öffnungszeiten von 13:30 bis 19:30Uhr niemanden von Mittagessen um halb drei abhalten
  • dass charmant schäbig bei Regen schlicht extrem renovierungsbedürftig aussieht
  • über englische Cupcakes, die statt typisch portugiesisch cremegefüllt typisch englisch cremegetoppt waren, und Tee aus rissigen pinken Rosentassen
  • über bunte Tops ohne Verschluss, die toll zu roten Haaren passen und mich zwecks Nichtverschluss nach dem Urlaub in den Wahn treiben werden
  • von Japanerinnen auf Weltreise nahezu ohne Englischkenntnisse
  • über Essensteilung mit Yvönnsche und großartigen Kirschlikör zum Nachtisch
  • von Fado und Fadosänderinnen, denen man auch ohne Sprachkenntnis anhört, dass früher alles besser war und Liebe schlicht mit dem facebook-Status es ist kompliziert zu umschreiben ist
  • von nächtlich mit Henningdrik geklauten Mandarinen, die ungenießbar sauer waren
  • von Flohmarktbesuchen, Schubladenknöpfen, roten Telefonen und Regenschauern
  • über das österreichische Pois Cafe, in dem es schlicht die meisten Portugiesen bis dato gab
  • wie wir gefühlte sieben Mal die (und Betonung auf die) Kathedrale passierten ohne zu wissen, dass es eben die Kathedrale ist und dann doch rein gingen
  • über nasale Supermarktbesuche, fast unerträglichen Trockenfischgeruch und frisch gemachtem Kürbisrisotto, welches Sid Amazing als something I always will remember bezeichnete, was auch immer das zu bedeuten hatte
  • von Sonnentagen, Tegoüberfahrten mit dem Linienbootverkehr, Knieaufschürfungen an ungeahnten Ecken des 110er Bus’
  • dass Christofiguren zwar massig „amazing view“ bieten für mich im Großen und Ganzen aber doch unaufregend sind (was Yvönnsche fast in den Wahn trieb)
  • wie wir in einer unspektakulären Straße das Cais Do Chiado fanden und in ihm keine Plastikstühle und unfrittiertes Essen, welches wir liebten und für einen Schnäppchenpreis zu bekommen war
  • dass wir 250Cent für eine Eiskugel ausgaben und es das wirklich wert war
  • wie Yvönnsche um der alten Zeiten Willen zwischen zwei Holländern und sieben Asiaten Rosenkohl puhlte und ich eine seltsame Carbonara-Rosenkohl-Pasta-Kombi erfand, welche die Hostelelfe Ammie aus Great Britain nachhaltig erfreute
  • dass wir durch geschlossene Aquädukte Zeit im Zeitkontingent fanden und stattdessen eine zerfallene Kirche besuchten, während uns die Sonne durchs offene Kirchendach beschien
  • wie wir frei von englischen Menükarten und englischsprechendem Servicepersonal biologisch essen waren
  • dass wir Plastikeis in Sachen Eislaufen testeten, was weder galant noch schön war und erheblich schmerzende Füße brachte, aber schlicht getan werden musste um behaupten zu können an einem Tag Eisessen und Eislaufen gewesen zu sein bei 12Grand plus mitten in Lissabon
  • von gegönnten Abendessen, sechs Gängen zum Schnäppchenpreis mit grandioser Aussicht und überragend freundlicher Bedienung
  • dass das Metrosystem überragend einfach und günstig ist, sowie kuriose unterirdische Haltestellen mit Fliesenarbeiten in Popart hat
  • wie wir zweimal rote Kopfhörer kaufen zum Preis von einem und alle vorgenommenen Museen aus Müdigkeitsgründen schwänzten
  • dass wir am Wasser saßen und ich mich fühlte wie in Hitchcocks „Die Vögel“, während Yvönnsche fasziniert Luftratten fotografierte
  • dass wir mit der Rollmethode das Koffervolumen aufs massivste ausreizten
  • wie wir endlich das Würstchenschwein trafen, welches traurigerweise doch nicht fliegen konnte, und im Anschluss wieder auf den Sitzsäcken versumpften und den Entschluss früh ins Bett zu gehen zur Gänze vergaßen…

Aber die Urlaubsrestmüdigkeit schwebt über dieser Woche und mein Hirn ist zu steinern um schöne treffende Sätze zu fabrizieren, beim Denken höre ich Gesteinsbrocken poltern, und so bleiben statt vieler kleiner Geschichten nur Satzteile zum Erinnern an einen aufregenden, schönen Urlaub.

in und doch fernab der Tourihölle

Dezember 3, 2010

Die kleine Tafel, die das Abendgeschehen des Hostels verkündet, zeigt ein brennendes Huhn mit der Info Piri-Piri-Abend, was wenigstens ein Gewürz verspricht, das bösartige Öl mit massig Chili drin.

Inzwischen ist es zu unseren Hobbies geworden auf Speisekarten Gemüse und Unfrittiertes zu entdecken, ein Spiel mit geringen Erfolgsaussichten. Insbesondere um unser Hostel herum, denn netterweise liegen wir grandios zentral, aber nicht ganz so netterweise eben auch in der Tourihölle. Tourihölle, weil wenn man morgens das Haus verlässt und die Sonne scheint man rücklinks in den ersten Sonnenbrillenverkäufer fällt, der am nächsten Tag bei Regen zusammen mit seinen gefühlt dreihundert Kollegen Schirme anbietet. Tourihölle, weil um uns herum Restaurants mit Plastikbestuhlung sind, die ihre Außenbereiche Glasichtfolienpavillion schützen und eben ausschließlich Frittiertes anbieten oder nicht portugiesisch sind.

Nach dem landesüblichen Mittagsschlaf und einer geteilten Portion Maroni, die man laut Reiseführer in der Winterzeit an Lissabons Straßenständen probiert haben muss, entscheiden wir uns für das Huhn samt Piri-Piri. Essen gibt’s ab neun, dazu Sangria.

Die Sangria ist großartig, amazing, the best I ever had, sozusagen. Es gibt sogar Äpfel und Orangen, wenn auch in Sangria, aber das tut der Freude keinen Abbruch. Neben großartiger Sangria gibt’s großartige Gesellschaft:

Henningdrik, der irgendetwas zwischen Henning und Hendrik heißt, dreht sich kommunikationsmäßig seit dem zweiten oder dritten Wein im Kreis, sucht das Wort für Grünkohl und scheint eine real gewordene Reklame für Grünkohl- und Grünkohlfahrten zu sein, Wiederholungen inbegriffen; Jesse der Ami, der Job und Wohnung in New York verließ und sich nun im Weltenbummeln durch Europa übt, immer auf der Suche nach neuer Musik, da er heraus fand, dass selbst die neusten seiner musikalischen Frischentdeckungen eigentlich alte Sachen sind; drei Stunden später haben wir uns gefacebookt und festgestellt dass „facebook“ auch als Adjektiv funktioniert und eine weitere Stunde später ist Jesse Fan der Beatsteaks und findet auch Labrassbanda gar nicht ohne; Gi, der die Sangria machte, und die Schwedin mit dem argentinischem Freund, deren Name unaussprechlich und unerinnerbar ist, treffe ich in der Küche auf der Suche nach einem Glas, Yvönnsche versumpft in den Sitzkissen und im dazugehörigen Gespräch. Unser japanischer Zimmermitbewohner unterstützt das Gespräch mit gelegentlichem Nicken, ansonsten hält er sich vornehm zurück – typisch japanisch vielleicht.

Sid Amazing, der Superlativ und kulturelle Ereignisse in Belem – Home of Vanilletörtchen

Dezember 1, 2010

Während Yvönnsche noch eine Runde um den Müslitisch dreht suche ich zur Hauptfrühstückszeit einen Tisch und finde zwei Plätze neben Sid Amazing. Sid Amazing ist aus London und reist allein.

Yvönnsche löffelt ihr Müsli in sich und grinst mich zwischendrin verschwörerisch an, was ich nicht deuten kann, ansonsten schweigt sie abgesehen von zwei drei Floskeln, die sich aber mehr auf Butteranreichung beziehen als auf Konversationsbereicherung. Sid Amazing erklärt mir zeitgleich die Welt oder zumindest den Teil, den er schon gesehen hat.

Sid Amazing ist wie der Superheld des Superlativ. Eine typisch amerikanische Angewohnheit – nehme ich an, denn da lebte er auch ein Jahr – und so umkreisen mich „wonderfull“s, „great“s, „amazing“s und auch“ incredeble“ fällt.

Themenbereich Superlativ: Dank unseres wonderfull Tagesticket, das uns gestern vorm Flughafen zum Rossio brachte, sind wir massig flexibel, denn es ist 24 Stunden gültig. Wir nehmen die Bahn nach Belem und Yvönnsche findet ihr Sprachzentrum wieder. Die kleine gelbe Durchschüttelbahn fährt und westlich bis wir fast aus Lissabon fallen. Die Sonne strahlt, Yvönnsche auch und die Erklärung für ihr Schweigen ist: Sie wollte meine Flirt nicht unterbrechen. Flirt? Scheinbar war ich bei einem anderen Frühstück als sie, aber Yvönnsche ist sich sicher, dass alle wonderfulls and amazings schlicht meiner großartigen Persönlichkeit galten.

Wir steigen aus und nehmen die großartige Persönlichkeit gleich mit. Es riecht nach Wasser und eine Brise weht. Wir bummeln am Wasser entlang bis wir übers Monumento a los Descubrimientos stolpern und bewundern brav-touristisch das Denkmal für große portugiesische Entdeckungen im Bereich Seefahrt, das im faschistischen Regime erbaut wurde und keinen Miniwink aus Unterdrückung, Sklaverei und Zwangschristianisierung zulässt, bewundern. Dann stellen wir uns noch auf die Weltkarte, die im Reiseführer größer wirkte und ein Geschenk eines afrikanischen Herrschers war. Die Entfernung Hamburg München wird zum Minischritt und auch alles andere ist nur um die Ecke. Den Park hinter uns nehmen wir auch noch mit.

Das Kloster, das wir sehen wollen ist ebenfalls nur wenige Schritte weiter und sonntags umsonst, wir wandern im Quadrat unter Kreuzgradgewölben in warmen Sandtönen. Vor der angeschlossenen Kapelle kriegen wir die Info, das gerade Messe ist und so schauen wir uns leise um. Yvönnsche fotografiert ohne Blitz.

Nach Absolvierung des Kulturprogramms haben wir uns ein portugiesisches Törtchen verdient und weil in Sachen Lebensmittel Schlage stehen meist mehr bedeutet als ein Michelinstern stellen wir uns an. Es ist die Bäckerei, die Bäckerei mit nachhaltiger Betonung aus „die“. Wir ordern berüchtigte Vanilletörtchen in  einer Schlange und bekommen sie in der nächsten, mit einem Minischlag auf den Rücken des silbernen Zimtstreuers verschwindet mein Gebäckstück kurz unter einer brauen Wolke und ist dann verzehrfertig.

Es knackt wenn man sich durch den Teig in lauwarme Vanillecreme beißt, wir stehen am Tresen, für nen Sitzplatz müsste man wahrscheinlich jemanden töten. Um uns rum buntes Treiben und eine nimmer kürzer werdende Schlange.

undankbare Erstbegegnungen mit der portugiesischen Küche

Dezember 1, 2010

Die Geschichte mit dem Flughafenbus ist narrensicher. Nach dem verlustigen Gepäck wäre auch alles andere untragbar für besagtes angespanntes Nervenkostüm.

Wir steigen am Rossio aus, neben uns die 23 Meter hohe Statue, auf deren Säule sich angeblich Peter IV zeigt, potugiesischer König zur Napoleonzeit. Angeblich weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eher den mexikanischen Kaiser Maximilian zeigt, der jedoch vor Auslieferung der Statue nach Mexiko ermordet wurde… Statuenrecycling sozusagen und in der Höhe von 23 Metern fällt die Unähnlichkeit der beiden kaum auf. Reiseführerwissen!

Wir biegen ein in die Rua Augusta und finden zwischen kleinen Geschäften ein goldenes Schild, dass aufs Tavellers House unser Hostel hinweist. Wir klingeln und werden von Emmi empfangen, die hier gestrandet ist und uns mit typical britain accent empfängt und an Jojo weiterleitet. Jojo, der schon länger hier ist und in der Sprechgeschwindigkeit von 1300 Wörtern pro Minute das Hostel erklärt. Ich verstehe rund 70Prozent, der Rest lässt sich zusammenreimen. Es ist schön hier, was das Internetranking prophezeit hatte. Sitzsäcke auf dem Fußboden, bunte Wände, eine niedliche Küche mit typischer Fliesenkachelung ganz wie der Flur. Unser Zimmer liegt im dritten Stock um die Ecke vom Bad. Wir schlafen oben in dunklen Holzstockbetten, die Bettwäsche riecht frisch, Gardinen und Lampen sind von IKEA, die Wände gelb.

Wir packen aus, entschließen uns nicht an der Bartour teilzunehmen, die vom Travellers House angeboten wird, sondern stattdessen schlicht Abend zu essen.

Es ist angenehm warm und da jede Straße dank ungeahnter Biegungen doch nicht da hin führt wo wir hin wollen, sehen wir mit Umwegen einige touristische Erfreunisse, die für heute nicht geplant waren, aber doch wunderbar beleuchtet sind. Wir entscheiden uns für ein Lokal dessen Namen wir nicht aussprechen können, das aber durch bunte Wände besticht. Tapas sind aus, sagt das portugiesische Servicepersonal in den 30ern mit Zahnspange. Wir bestellen Muscheln, anschließend Risotto mit Hase für mich und typisch portugiesisches Steak für Yvönnsche. Die Muscheln, die wir bekommen, sind kalt mit einer Senflemonensoße, die ihrem Namen alle Ehre macht und aus Senf und Lemonensaft besteht sonst aber gewürzfrei ist. Am Nachbartisch sitzt ein englischer Suggardaddy mit begrenzt gut gepflegten Zähnen und seine wesentliche jüngere Begleitung. Er bekommt etwas, was aussieht wie Haferschleim, soll heißen weißer Brei auf weißem Teller. Ich habe Sorge, dass es das Risotto ist. Eine Sorge, die er mir bestätigt. Ich hatte mir das anders vor gestellt, eher so in die Richtung Rundkornreis mit Parmesan, leicht goldgelb, dazu einige angebratene Streifen Hasenfleisch. Ich bekomme weder Rundkornreis noch Parmesan noch Hasen und erst recht nicht in Streifen. Mein Normalkornrreis hat weder Salz gesehen noch Parmesan, noch Zwiebeln noch irgendwas anderes als Instantbrühe, das Fleisch auf ihm ist zerfleddert wie Hühnchen in Hühnerbrühe und keinesfalls Hase eventuell auch kein Kaninchen, vielleicht Hühnchen. Yvönnsches Steak hat die Pfanne viel zu lange gesehen und ist so durch das zartes Rosa außen wie innen in minder charmantes Grau gewechselt hat. Das Ensemble ist erweitert durch Dosenpilze, laut Karte eine original portugiesische Zubereitung. Dazu gibt es Chips und zwar selbstgemacht, was löblich ist wenn auch das Salz vergessen wurde. Wir essen weniger als die Hälfte und als die Zahnspangenserviceperson fragt, ob wir wohl nicht hungrig waren sind wir ebenso wie das Essen recht ungalant und antworten wahrheitsgemäß, dann zahlen wir.

Nach dieser recht unerfreulichen Erstbegegnung mit portugiesischem Essen beschließen wir auf Nummer sicher zu gehen und wenden uns vertrauensvoll an den Reiseführer. Es gibt gebratenes Hähnchen mit Pommes, was besser ist und dank scharfer Piri-Piri-Soße auch den deutschen Frittenbudencharme verliert.