Studentenparties im mitternächtlichen Lissabon

Gestern kamen doch tatsächlich die Karten aus Lissabon an… Und da der letzte Lissabonurlaubsteil seit Wochen unfertig auf meinem Rechner schlummert habe ich mir heute ein Herz gefasst. Also, für alle Texthungrigen und Lesemutigen:

Der Lissabonner Flughafen ist mit unhold. Ich bin gestrandet und fühle mich heimatlos.

Der Service, den Air Berlin für heimatlose Gestrandete anbietet, beläuft sich auf kostenloses Stornieren oder kostenloses Umbuchen, dass alle Hotels überbucht sind interessiert keinen. Ich bin ein eher sicherheitsbedürftiges Menschenkind und das mit ohne viel Schlaf (zwecks Vorhaben die Flugzeit zu verschlafen), mein Nervenkostüm ist angekratzt, ich möchte mich auf den Boden legen und in der Embryonalstellung weinen. Aber das gehört zu den Dingen, die nicht zur Auswahl stehen.

Stattdessen Anruf in Hamburg: Ja, es geht mir gut und ja, ich komm irgendwo unter.

Mal ausnahmsweise keine unnütze Panik verbreiten. Ich schlurfe zurück zum Flughafenbus, meine Tasche scheint pro Meter mindestens ein Kilo schwerer zu werden, neben mir steht ein anderer deutscher, gestrandeter Hostelmitbewohner. Ich mag ihn nicht, er trieft vor Langeweile. Yvönnsche ruft an, sie konnte auch nicht fliegen, ist jetzt aber im Radisson, Air France zahlt, es gibt Abendessen und Frühstücksbuffet, sie geht jetzt erstmal in die Wanne. Damit endet unser Gespräch, mehr Information als ich (obdachloses Etwas – Selbstmitleid juchhe) ertragen mag.

Unser Hostel empfängt uns (den trägen Mitgestrandeten und mich) wie eine Mutter ohne Brust. Lola ist auch noch da. Lola die Spanierin, die unlängst den Bus genommen haben wollte, der aber auch nicht fährt. Lola, die es schaffte aus Hannover the city to be zu machen und dort nach ihrem Studium zehn Wochen verweilte. In der WG des Fußballfreundes, der auch hier ist und keine Fanschals trägt, dafür aber Länderspiele in europäischen Großstädten sammelt. Sieben Tee und zwei Mails später bin ich immer noch obdachlos, obwohl nur noch begrenzt obdachlos, denn Jojo hat mir bereits zweimal die Couch im Fernsehzimmer und eine Decke angeboten. Ich bin dankbar und sehne mich nach einem Bett mit Kopfkissen, massig Kopfkissen.

Versinke, versinke, versinke...“, ich denke an meinen Kopf in beigewünschten Kopfkissen, das Märchen die Schneekönigen und die Frau mit dem immerblühendem Garten, die alle Rosen versinken lässt, damit Gerda ihren Kay vergisst. Im Sinne des Vergessen beschließe ich ebensolches vorrübergehen auf meine abendliche panikverursachende Eventuellobdachlosigkeit anzuwenden, wenigstens bis nach dem Abendessen.

Ein Käsequiche mit Lola später ergattere ich den letzten sehr begehrten unteren Platz in einem Hochbett unseres Hostels, inklusive Frühstück für 20Euro die Nacht. Womit bewiesen wäre Verdrängung hilft.

Air France und die Badewanne des Radissons haben mich zur Alleinreisenden gemacht.

Als Alleinreisende habe ich die Wahl zwischen Bett mit vorrangegangener Dusche oder einem Abend mit dem Fußballfreund, der sich als Retter der Alleinreisenden anbot und ebenso sich als Gesellschaft. Da ersteres die klügere Entscheidung ist stehe ich nicht ganz eineinhalb Stunden später mit dem Fußballfreund und zwei Flaschen Wein auf einer von Lissabons Anhöhen vor einem Haus und suche die Klingel. Es ist die Hausnummer 66 und in einer Straße, deren Hausnummeraufreihung mit chronologisch nichts zu tun hat.

Die Wohnung liegt ganz oben und ist so wie man sich Lissabonner Wohnungen eben vorstellt. Jedes Zimmer hat mindestens zwei Ecken mehr als es haben müsste. So besteht das Wohnzimmer aus einem schmalen Gang, der sich öffnet und etwas Fünfeckiges preisgibt. Der der perfekten Wand für ein Sofa sind zwei geheimnissvolle Türen, deren Inhalt selbst den WG-Bewohnern nicht bekannt ist, da der Inhalt noch der Vermieterin gehört. Diese wohnt aber ihrerseits nicht hier, erklärt die Räubertochter.

Die Räubertochter ist ein Drittel der WG-Belegschaft und feiert heute ihren Geburtstag nach, vor oder erneut. Ein Meter fünfzig grandioses Geburtstagsstrahlen in Schnürboots und etwas, was wie ein Blümchenkleid anmutet, zu roten Perlsteckern und Lachfältchen um die Augen, ihr schwarzes Haar steht kurios in alle Richtungen, sie tauscht unsere Weinflaschen gegen zwei Pappteller mit der Aufforderung uns zu bedienen.

Um mich rum englisches, deutsches, französisches und wenig portugiesisches Gemurmel der Auslandssemesterstudenten, die hier mitfeiern. Die Fenster sind mit Klebeband zugeklebt, damit der Wind nicht durchpfeift, vielleicht auch typisch Lissabon!?`Eine Heizung gibt es nicht, was aber heute nichts macht (Menschenmassen in kleinen Wohnräumen gleich positive Erwärmung des ebensolchen), erklärt mir eine charmante International-Journalism-Studentin, an ihrem Ringfinger ein Silberring mit einem Plastikwellensittich – Kategorie selbstgebastelt. Steffi oder Susanne oder ähnliches mit „S“ am Anfang kommt zwischen Glühwein eins und zwei, zwei und drei, sowie drei und vier vorbei und klinkt sich in unser Gespräch. Es ist lustig.

Nach der Aufforderung du solltest dir mal die Küche ansehen, sehe ich mir die Küche an. Ich finde einen ehemals offenen Kamin über einem amüsanten Ofen und recht vielen Provisorien, auf der anderen Seite ein offenes Fester und dahinter mal wieder amazing view, diesmal auf Christo.

Vor Christo sitzt ein Mann mit Fernsehbrille im Fensterrahmen. Nach einer minimalistischen Unterredung mit einem netten Franzosen und der Feststellung das mein englischer Wortschatz meinem Schlafdefizit zum Opfer fällt, schlängle ich mich von optionalen deutschen Gesprächteilnehmern zum nächsten. Der Mann mit der Fernsehbrille kommt aus Dresden. Es geht um Generation Praktikum, Lebenssinn, Törtchen aus Belem, Arbeitseinstellung und ähnlich tiefgründige Themen. Es gibt immer mal wieder eine neue Flasche Wein, ich bleib bei Cola, aber auch das hilft nichts, so dass mich der Fußballfreund gen eins zurück ins Hostel begleitet, wo mein Kopf endlich und im Sinne von versinke, versinke, versinke ins Kopfkissen fällt.



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