Auszug der Nachbarin (Laubengang hinten rechts)

 

Heute ist meine Nachbarin ausgezogen. Sie wohnte Laubengang hinten rechts zusammen mit ihrem Mann, der ist neulich überraschend verstorben. Er war 54 oder 57, genau erinnere ich das nicht.

Es war am Tag als die schwedische Kollegin Geburtstag hatte, es war ein guter Tag – für mich, wir hatten Spaß, die Zeit verging im Nu und wir hatten tollen Kuchen. Auf dem Heimweg gerade aus dem Bus ausgestiegen treffe eine andere Nachbarin, die mit dem kleinen hässlichen Hund „Haben Sie schön gehört… so jung… und so sportlich… immer fit… „. Ja, all das war er. Er – ich weiß gar nicht wie er hieß, müsste erst auf dem Klingelschild nachschauen. Hilfsbereit war er auch, wirkte immer ein bisschen wie ein Turnlehrer etwas spießig, belehrend und eben sportlich.

Tage später traf ich die Nachbarin: Schlaganfall in der Nacht vorm Fernseher, als sie ihn morgens wecken wollte, war er schon kälter. Der Notarzt wurde gerufen, er stellte den Tod fest, die Leiche verblieb in der Wohnung – zwei Stunden lang, bevor sie abtransportiert wurde. Eine Familie aus dem ersten Stock klingelte, wollte die Wohnung besichtigen, da sie sicher allein dort nicht wohnen bleiben wolle, drei Stunden nachdem ihr Mann abtransportiert worden war… Ob das nicht taktlos sei. Ja ist es – sehr taktlos!

 

Die Umzugshelfer hieven ab halb zehn das Interieur zweier Menschen, von zehn Jahren Beziehung und sieben Jahren Zusammenwohnens über den Laubengang, ich stehe in Schlafanzug und Hochsteck-Schlafuschi-Frisur in der Küche und rolle Teig aus. Mal guckt einer durchs Fenster rein, mal ich raus, das Fenster ist gekippt, der Keksgeruch wird bemerkt, ich fühle mich ein bisschen hilflos zwischen all dem Keksgeruch und kann gar nicht genau sagen warum.

Plötzlich ist alles ruhig.

Ich hätte mich gerne noch verabschiedet, grüble wie lange ich wohl im Bad war und  bringe den Müll runter, ihre Tür steht noch offen, der Umzugswagen ebenfalls. Es ist nur die „Der-erste-Schwung-ist-weg-jetzt-stehen-nur-noch-Ätz-Sachen-in-der-Wohnung-Brötchenpause“, die jeder Umzug hat. Ich sammle ein paar Haselnussröllchen auf einen Teller, die Wohnung ist leer aber voller Menschen, alle freuen sich, meine Nachbarin muss sogar ganz dolle nach oben schauen, sonst würde ein Tränchen kullern…

Advertisements
Explore posts in the same categories: das tägliche Leben und ich

Schlagwörter: , , , , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: