die Mutter des Elefantenjungen

Jenseits der Pendlerzeit Bahn zu fahren hat was für sich. Es ist leerer, erstaunlicherweise aber nicht ruhiger. Die Menschen sprechen, man kann schlicht dasitzen und sich ein bisschen wie in der Nacherzählung von „Mitten im Leben“-RTL-Trash-TV fühlen.

In meiner Sitzgruppe sitzt eine hochschwangere Frau, es ist das vierte erzählt sie der farbigen Omi, die ihr gegenüber sitzt. Und hochschwanger sei sie nicht, sie sei im dritten Monat, aber weil es eben das vierte ist würde das schon jetzt so aussehen. Wenn sie wirklich noch sechs Monate vor sich hat gebiert sie ein Elefantenjunges. Sie freut sich auf ihre anderen drei Kinder, „blob-blob-blob“ – sie fährt mit ihrer Hand über den dicken Bauch und malt drei weitere Hubbel vor ihn – sei das damals gegangen, acht, sieben und sechs seien die jetzt. Drei Monate hat sie die drei nicht gesehen hat, Krankenhaus vermute ich in mich rein. U-Haft sagt sie, ich schaue aus dem Fenster mein Gegenüber kurz hoch. In ihrer pinken Umhängetasche mit falschem Hello-Kitty-Aufdruck, die ist für ihre Tochter sagt sie nebenbei, kramt sie und findet – das Evangelium in grünem Einband. Jeden Tag hat sie darin gelesen berichtet sie und hält es der farbigen Zuhörerin etwas dichter unter die Nase als nötig gewesen wäre, diese nickt. Die Schwangere spricht gebrochen Deutsch, nicht weil sie es nicht anders könnte, sondern weil sie annimmt, dass ihre farbige Zuhörerin nur gesprochen Deutsch spricht und natürlich spricht sie laut, denn eine Sprache, die schwer zu verstehen ist, wird gebrochen und laut gesprochen viel verständlicher – Solidarität: „Jeden Tag ich beten, dass ich nicht bleiben muss wenn Baby kommt – in U-Haft (das musste auch für die frisch Zugestiegenen nochmals erwähnt werden).“

Sie wurde erhört, drei statt der angedachten sechs Monate und schon ist sie wieder raus. „Beten hilft.“, antwortet die Gesprächsteilnehmerin. „Manchmal.“, füge ich an – gedanklich und schmunzle aus dem Fenster. Mundsburg, ich bin Berliner Tor eingestiegen, was man in drei Stationen alles erleben kann…

Oh, ich wollte Berliner Tor raus…“, erkennt die Schwangere und steht auf mit der typischen Schwangerenaustehgymnastik – Bauch noch weiter vor, bis zur Kante des Sitzpolsters rutschen, Rücken in Richtung Turnunterrichtesgedächtnisbrücke soweit das eben geht und dann mit Schwung und leichtem Stöhnen hoch. Sicher dritter Monat – es wird ein Elefantenjunges! „Entschuldigung.“, sagt die farbige Omi. „Macht doch nichts, ich fahren zurück und steige aus.“ Das tut sie dann auch. Die farbige Omi bleibt zurück und summt ein bisschen während sie aus dem Fenster schaut, meine IKEA-Tüte raschelt zwischen meinen Knöcheln.

Advertisements
Explore posts in the same categories: das tägliche Leben und ich, Hamburg, meine Perle

Schlagwörter: , , , , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

5 Kommentare - “die Mutter des Elefantenjungen”


  1. Sie erleben ja Sachen, wow!

    *Sprachlos*

    Und ich Dummchen dachte immer, im dritten Monat sehe man noch gar nichts… aber rechnen ist ja auch nicht jedem gegeben.. oder hat man in der U-Haft Sex?

    Boah, ich komme aus dem Grübel über diese schräge Geschichte gar nicht mehr raus.

    *mitsummundraschel*

  2. Gazellenpfad Says:

    Ich war dabei.
    So schön schreibst du.


  3. bitte bitte melde dich mal bei mir wegen des Deutschlandreise-Buchs. ich habe dir schon mehrere Mails geschickt.
    earny_from.earncastle [ät] gmx.de


    • Entschuldige hier totaler Bazillenmutterschiffalarm, liege seit etwas über einer Woche flach, nichts geht. Hab dir gerade gemailt, deine Mails sind aber an meine Frimenadresse gegangen daher konnte ich die bisher nicht lesen…

      Buch ist aber heil, wurde nicht gekidnappt und fast fertig!


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: