Sonnenblume, Muskelkater und Apfelsaftschorle

 

Kleinpferdchendorf – endlich!

Zutaten:

  • Sonnenblume
  • und lustige andere Straßenrandblumen
  • und -gräser
  • stabile Fingernägel

Acht Stunden vorher: Wismar, kluge Entscheidung hierher mit dem Zug zu fahren. Nach vier Tagen Windsurfen und Wandermuskelkater – erster Tag Schultern und Arme, hat mal jemand versucht ein nasses Segel aus den Wellen zu ziehen?; zweiter Tag „Hallo Arme, hallo Rücken“ und blau befleckte Knie; dritter Tag „Jiehaaa, ich stehe…“, aber das Brett ist glatt selbst das Reinkrampfen mit den Zehen ändert das nicht, macht aber schönen Zehenmuskelkater (ja, Zehenmuskelkater!); vierter Tag nach links fahren nach rechts fahren und gleichzeitig ungemein angespannt sein – da wären die 70 Kilometer zwischen Neustadt und Wismar vielleicht etwas arg motiviert gewesen.

Wismar morgens um acht, Hildegard – mein Fahrrad – fit, ich frisch gefrühstückt und motiviert für drei.

Aufs Rad, entlang des Ostseewanderwegs bis zur zweiten verpassten Abfahrt. Ich komme durch einen nahezu einwohnerlosen Ort, an dem die einzig ansprechbare Bewohnerin eine alte Kittelschürzendame mit hysterischem Hund Norden und Süden nicht unterscheiden kann. Fakt meine Ostseewanderweg-orientierte Karte zeigt diesen Ort nicht an. Der Himmel ist grau, dies ist ein Abenteuerurlaub. Ich fahre ein Stück Bundesstraße – B 105 – und meine mich zu erinnern, dass Radfahren auf Bundesstraßen untersagt ist, bin mir aber nicht sicher, niemand hupt. Ich hangle mich von Straßenschild zu Straßenschild: Satow 27km. Satow liegt mittig zwischen Wismar und Rostock, aber weit ab vom Ostseewanderweg, ich biege ab und staune über die Hüglichkeit Mecklenburg-Vorpommerns, Oma wird mir später etwas vom den Güstrower Bergen (oder so) erzählen. Hier ist weniger Verkehr, ich zähle Leitpfosten, die Kette springt ab und mein Lenkradkörbchen dreht sich. 27km später Satow – Regen. Das erste mal wieder Mobilfunkempfang, ich esse einen Pfirsich und eine Banane, mitgebracht aus Wismar von einem überraschend orpulenten Frühstücksbuffet eines von Mutti gebuchten viereckigem Hotels mit einem orangem Einzelbettzimmer, in dem ich vorzüglich geschlafen habe und WLAN inklusive hatte. 10km später immer noch 20 weitere bis Rostock beginnt es zu regnen, die Dörfer stehen hier dichter (Großstadtnähe und so), ich finde Schutz an einer Bushaltestelle. Ich hole die zweite Strickjacke aus meinem Gepäck und funktioniere sie zu einem Schal um. Alle eineinhalb Stunden fährt hier ein Bus nach Rostock, 60 Minuten Wartezeit. Der Regen wird weniger, ich schwinge mich wieder auf Hildegard. Vorletztes Dorf vor Rostock – Regen und zwar richtig, keine Bushaltestelle in Sicht. Auf  dem Gepäckträger klemmt mein Handtuch, mit einer Haarspange funktioniere ich es zu einem wenig adretten Cape um. Nicht schön aber selten. Rostock Südstadt und endlich wieder eine Bushaltestelle…

Der Plan war entspannt und locker bei Sonnenschein in Kleinpferdchendorf bei den Rentnern aufs Gelände zu fahren. Aber der Plan war auch auf dem Ostseewanderweg 65km in sechs Stunden zu fahren um dann in Rostock zu übernachten… Hansesail und nicht ein freies Hotelzimmer. Ich rufe die Rentner an, teile meinen Aufenthaltsort mit, dass ich nach Ende des Regens abwarten muss, gleich den Zug nach Ribnitz-Damgarten nehmen werde und eventuell Opa als Abholservice in Anspruch nehmen möchte, wenn sich die Wetterlage nicht ändert… Die Wetterlage ändert sich und ich kann mein lächerliches Cape wieder auf den Gepäckträger spannen. Ein lustiger rüstiger Senior ebenfalls Radfahrer erklärt mit unter Beihilfe seines Smartphones wie ich denn auf dem schnellsten Weg zum Bahnhof komme. Die Strecke geht bergab ich fahre entspannt und gefühlte 180. Yeah Freiheit, ich fühle mich dem Ziel ganz nah. 5,50Euro kostet die Fahrt nach Ribnitz-Damgarten West Hildegard kostet mich weitere 5Euro. Westwind wäre Rückenwind, heute gibt’s Ostwind satt, meine Oberschenkel brennen, immer am Bodden lag, der pure Starrsinn. Strecken, die man sonst bei einer kleinen Plauderei im Auto zurücklegt, sind gesellschaftsfrei und mit Gegenwind ungleich länger, jetzt wird nicht aufgegeben. Ich schaue eins der aberhundert leerstehenden Häuser an, da kommt man ja sonst nicht zu; pflücke eine kleine Sonnenblume und etwas Dazugrün für Oma und nehme das letzte Stück in Angriff und dann endlich ein wohl bekannter Gartenzaun, das Tor ist offen, ich biege ab, schelle mit der Fahrradklingel und bin endlich angekommen!

Advertisements
Explore posts in the same categories: auf Reisen, Blumen, das tägliche Leben und ich, Kreativling

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

6 Kommentare - “Sonnenblume, Muskelkater und Apfelsaftschorle”

  1. Inch Says:

    Oh, wunderschön. Wunderschön. Trotz Regen und B dingsdabums klingt das nach ein paar ganz wunderbaren Tagen

  2. symphonee Says:

    Beeindruckend, wie du so allein durch die Weltgeschichte geradelt bist (und das Cape hätte ich ja liebend gern mal gesehen!). Radfahren gibt ein ganz besonderes Gefühl von Freiheit, das kenne ich auch.. einfach schön. Es sei denn, es schüttet, windet und schneit ;)

  3. chinomso Says:

    Missing the road means discovering a new one.
    Und das bezieht sich nicht nur auf die Wegstrecke.

    Schöner kleiner Radel Bericht.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: