schlaf gut, Jo

Als ich 2006 aufs Internat kam gab es einen Mann – Jo. Jo war eine sonderbare Art von Lehrer, aber Internate brauchen sonderbare Arten von Lehren. Er ging mit uns in den Wald, soweit ich mich erinnere war er Biolehrer. Mit einer Horde von vollpubertierender Sechstklässer wanderten wir auf der Laufrunde, gesäumt von mittelhessischem Grün. Jo erzählte welche Blätter, Pflanzen, Raupen essbar waren – mit Vorführung. Ich erinnere mich nicht, dass je einer seinem Vorbild nachgekommen ist, zumindest nicht was die Raupen angeht, aber alle erinnern sich an das Raupenessen. Dieses Raupenessen ist so tief im Gedächtnis verwurzelt, dass ich nicht beschwören könnte, dass Jo je wirklich vor mir eine Raupe gegessen hat oder ob es eher Kollektivgedächtnis ist.
Fakt ist – Raupen oder nicht Raupen – dieser Mann war so viel Teil des Internats, dass man den Teil weglassen kann. Jo war Internat. Selbst nach seinem Weggang spukt sein Geist in allem. Wenn ich die Sportpiktogramme der Tagesschau sehe, von denen gerüchteweise erzählt wird, Jo hätte die Idee oder die Grundskizze für sie gelegt; bei einem Blick auf die alte Hausordnung, die mit seinen kleinen Männchen geschmückt war und in jedem Schülerflur hin, er war eine Institution.
Institutionen sterben nicht. Und doch ist diese eingeschlafen, friedlich, ruhig und glücklich, wie seine Familie zu berichten wusste. Vielleicht – wie in meiner Erinnerung – immer mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

Schlaf gut, Jo. Träum schön Jo.

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