Urlaub, Lissabon und die Frage: Wo ist Malvin?

Die Schlange des airberlin-Schalters schlängelt sich durch die Katakomben des Hamburger Flughafens, was natürlich eine Übertreibung ist, aber mit dem Zuspätdrangefühl, das mich begleitet, gleicht jeder Schlangenmeter einem Kilometer. Ich höre auf der überdimensionierten Flughafenuhr die Zeit verrinnen – auch Einbildung. Dreißig Minuten eher da sein sollte reichen, sechzig waren es bei mir und eine Schlange von 27Minuten. Alles will nach Lissabon letzte Sonnenstrahlen einfangen, schicke Lederschuhe kaufen, Cremetörtchen essen…

 

Es ist dieses „Ich-weiß-es-hätte-früher-sein-können-Lächeln“, das ich bei dem Weg an den Schalter bei mir trage. Die perfekt gestylte Reisetaschenbeauftragte ist zur Gänze unbeeindruckt, alles sei sowieso gut und „on time“, ich bekomme zwei Tickets und mein Minigepäckstück tritt getrennt von mir seine Reise an: Palma de Mallorca.

 

Yvönnsche ist derweil schon in Amsterdam.

Denn vollkommen logischer Weise fliegt man von Hamburg nach Lissabon über Palma und von München nach Lissabon über Amsterdam. Ja, so bekommt man die Welt zu sehen.

 

Die Airberlincrew trägt schmeichelndes Schwarz, ansonsten blutrot an Gürteln, Halstüchern und Handschuhen. Handschuhe… Handschuhe aus Leder in blutrot für eine Crew, die ihre Hauptarbeitszeit in einem aklimatisierten künstlichen Lebensraum verbringt, aber gut modisch gesehen ungemein schick. Das Mitfliegpublikum spaltet sich in die Lager sportliche Weltenbummler und Schicki-Micki-Familien in weiten Kaschmirpullovern samt Gucci-Brille und Prada-Tasche wahlweise auch anders rum. Es läuft wie am Schnürrchen, wir sind weiterhin „on time“, et jibt Stulle (wie der fröhliche Flugbegleiter mit Berliner Schnauze verlauten lässt) und kurze Zeit später landen wir in Palma. Ich war noch nie in Palma beziehungsweise auf Mallorca generell, aber – und ich nehme an das ist nur im Winter so – es ist ein Geisterflughafen. Geisterflughafen wie Geisterstadt, ich könnte Walzer tanzen auf Rollschuhen, keinen würde es stören, denn ich bin allein mit wenigen Lissabonfreunden.

Fast etwas provinziell.

 

Dann wieder Boarding.

Die Fluggesellschaft Teil zwei teilt sich mit meinem Yvönnsche den Vornamen, sozusagen Yvönnschefly.  Yvönnschfly ist die Airline eines mehr oder minder bekannten Österreichers mit einem zweifelhaftem Modegeschmack. Dieser zeigt sich nicht bei seiner Outfitwahl sondern bei den Flugbegleiterinnen. Während Airberlin die Gradwanderung zwischen modisch, modern und angemessener Arbeitskleidung gelingt, sieht die Crew von Yvönnschefly aus wie aus einem schlechten KIK-Werbespot. Jeans, pinkes Hemd, grauer Pullunder und Polyestersakko ergänzen sich zu einem unvorteilhaftem Zwiebel-Wurstpellen-Ensemble als Toppin gibt es eine pinke Golfermütze mit Plusteroptik, nicht schön aber selten. Ich sitze in Reihe drei am Gang, der Fernseher zwei Reihen vor mir hat einen Schneestreifen, mittig wie alle anderen auch. Ich bin mir sicher, dass Schneestreifen in Fernsehern nicht mit der Flugtechnik gekoppelt sind, aber ich bin mir auch sicher, dass ich sterben werde. Vor mir schreit ein Dreijähriger mit der Energie des jungen Pavarotti, es zerrt etwas an meinem hysterischen Nervenkostüm. Ich nessel an der Speisekarte, die Kleinigkeiten in Smartpappboxen anbietet, die Ecken sind angenuschelt und auch wenn das noch weniger mit Flugtechnik zu tun hat, habe ich mich schon wohler gefühlt. Meine Kopfhörer haben den Geist aufgegeben und ich sorge mich um mein Gepäck. Es gibt wieder Stulle, diesmal auch ohne Salatbelage.

 

Heil und sicher 90Minuten später –Lissabon.

Ich bin da, Yvönnsche (diesmal die echte) ist da und wartet am Gepäckband, das schreiende Kind ist da und auch sonst alle, außer meine schwarze Tasche, in der alles für eine Lissabonwoche ist und auf der silbern Malvin steht.

Bei Lost and Found muss man Nummern ziehen und geduldig sein. Mehr Schlaf wäre sinnvoll gewesen, mein desolates Nervenkostüm wimmert innerlich, Yvönnsche spielt das Was-in-meinem-Koffer-gewesen-ist-damit-sich-der-Verlust-lohnt-Spiel, ich möchte mich in der Embrionalstellung auf den Fußboden legen, „eine Gucciuhr…“ sagt Yvönnsche, ich denke an meinen Lieblingsschal und sage: „Eine Pradasonnenbrille.“…

 

Nach gefühlten Ewigkeiten sind wir dran, C91 ist unsere Nummer, C für Verlust und 91 fürs Warten, Taschenbeschreibung, ob wir schon in Bereich A geschaut hätten, ja und auf dem Gepäckband auch nochmal, Tascheninhaltsbeschreibung, dann Zettelausdruck, Unterschrift, ich möchte weinen und grause vor den optionalen Shoppingrunden, die mir bevor stehen, wenn nicht zeitnah die Malvintasche wieder auftaucht.

Vorm Gehen, mein Kopf hängt, eine weitere Runde ums Gepäckband und dann wie durch Zauberhand: Malvin…

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6 Kommentare - “Urlaub, Lissabon und die Frage: Wo ist Malvin?”

  1. podruga Says:

    fliegen ist auch nicht mehr, was es mal war…

    eine schöne beschreibung!


    • Ich fliege ja so supergerne, aber Teil 2 des Fluges hatte durchaus etwas von einer humoristischen Einlage. Ich denke eben immer noch an hochgewachsene Blondinen in gut sitzenden Lufthansauniformen. Mit gelben Schal, auf denen Miniflugzeuge in Blau sind…

      Aber Airberlin war auch echt chic und nett zu fliegen.

  2. zimtapfel Says:

    Aaaaah, was ein Glück!
    Ich hatte mir auch schon grauenhaftes ausgemalt, als im letzten Urlaub meine Tasche wirklich mit Abstand die allerallerletzte war, die aus dem Flugzeug aufs Band geladen wurde…

    Yvönnsche heißt gar nicht Yvönnsche? Ich bin schokiert!
    Die AirBerlin-Flugbegleiter-Outfits sind von irgendwem bekanntes designt worden. Las ich im Flugzeugmagazin, als ich das letzte Mal mit denen flog. Und das mit dem Koffer (fast) passierte.

    Lissabon, hach, ich beneide euch! Da würde ich auch gern mal hin!


    • Ja, ein Taschenchaos! Ich nehme ehrlich gesagt an, dass sie mit dem kommenden Flugzeug kam. Malvin ist halt sehr klein und vielleicht wurde er beim Umpacken einfach vergessen.

      Als ich Yvonne kennen gelernt habe, habe ich sie immer Yvonne genannt, obwohl das ihrem Namen nicht mal nahe kommt. Inzwischen hat sich das Yvonne eingebürgert und wenn ich sie mit beiden Namen zu gleichen Teilen anspreche wundern sich allenfalls die Lauscher.

      Und ansonsten: Jaaaah Lissabon.

    • zimtapfel Says:

      Mna hat ja manchmal Leute, die total nach einem Namen aussehen, der gar nicht der ihre ist. Ich hab das bei einer Freundin einer Bekannten, die sieht für mich einfach hundertfünfzigprozentig wie eine Anne aus. Obwohl das überhaupt nicht ihr Name ist, denke ich bei der Frau immer an Anne und bin immer erstmal irritiert, wenn stattdessen ihr eigentlicher Name fällt. Ein schlimmer Irrtum ihrer Eltern, wenn man mich fragt.


    • Yvonne sieht – glaub ich – aus wie ihr eigentlicher Name, aber ich verwechsel immer Sven mit Jens und Yvonne mit ihrem realen Namen…

      Keine Ahnung warum, aber sie hat sich dran gewöhnt.


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