Nichtpärchentage am Strand

Auf seinen Fotos sehe ich aus wie der Mensch, der ich sein möchte. Als würde er durch sein Objektiv das Ich sehen, das einem perfekten Ich am nahsten kommt. Vielleicht ist es, weil er genau das sieht, wahrscheinlicher ist es Können und Technik und Licht und Photoshop. Können, Licht, Technik, Photoshop alias dem Grafen von Bro, der keine Zeit hat, weil Menschen mit vielen großartigen Objektiven sich großer Beliebtheit erfreuen…

Meine Alternativprogramm zu schönen Bro-Fotos sorgt für etwas Unbehagen in meiner Magengegend.

Es ist der Ex, nicht meiner sondern Jammis. Und so wie es Exfreunde gibt, deren Namen ein leichtes Schmunzeln hervorrufen oder Augenrollen, deren Geburtstage man verdrängt, deren Telefonnummern beim Auftauchen auf Telefondisplays keinerlei Aha-Erlebnisse hervorrufen gibt es auch andere, die man trifft und es fühlt sich immer noch wie Knüppelkotze an, als würde es niemals aufhören, wie ein leidiges Erinnerungszwicken, als wäre man eine Ansammlung von Fragen… Es ist nur so ein Gefühl, aber ich denke, er ist ihr Anderer, vielleicht der einzige Andere, aber doch irgendwie der, dessen Verlust noch genau das ist, ein Verlust eben.

Natürlich ist es okay, wenn ich ihm schreibe und wir Fotos machen – auf meine Frage, ob es okay für sie ist…

Wir fahren ans Meer, an einen kleinen Ort fast namenlos hundert Kilometer vor Hamburg und solche Orte sind für Pärchen gemacht, wie an düstereren windigen Herbsttagen ans Meer fahren auch für Pärchen gemacht ist und Teetrinken zum Aufwärmen im Kurbad zwischen Senioren auch für Pärchen gemacht ist, kleinkariertes Schubladendenken…

Kleinkariertes Schubladendenken, dass heute dahin kommt, wo es hin gehört. In eine Schublade, eine die verschlossen wird. Flucht in die Leichtigkeit, Wochenendfreude ohne Erwartung, selbst ohne Erwartung an Fotos.

Wir nutzen das begrenzte Novemberlichtfensterm, das uns zur Verfügung steht. Er kennt Haffkrug nicht, was rein verständlich ist, denn selbst Wikipedia gönnt Haffkrug nur einen Minieintrag. Wir parken bei der evangelischen Gemeinde, hinter einer roten Ziegelsteinmauer, neben Häusern, die aussehen wie Häuser in Kurorten auszusehen haben, niedlich mit Bänken in adretten Vorgärten davor. Hinter uns eine alte Sonnencremereklame, in Farben, die so heute zu Marketingzwecken niemand mehr verwenden würde. Kitschrosarosen stehen an blätterleeren Hecken, bevor wir an den Strand gehen.

Es ist schön hier…“, sagt er und klingt fast verwundert.

Der Strand ist weit ab von menschenleer, Kinder testen ihre Schneeanzüge von Tchibo auch ohne geeisten Regen, Hunde wagen sich noch ins Wasser, während die Besitzer die Köpfe schütteln, irgendwann reiten zwei Pferde vorbei, Hufspuren tief im Sand, in dem ich mich räkel, was sich weder charmant noch geschmeidig anfühlt.

Das Wetter ist uns hold, lässt uns sogar drinnen einen Tee trinken ohne uns anschließend mit Regen zu strafen, mein rotes Sausehaar fliegt im Wind immer unpassend zur Kamera – so mein Empfinden. Ich spiele mit Schilfgras und kletter in gestrandete Plastikboote in Kleidung, die sich farblich damit nicht verträgt – auch egal. Wir haben Spaß. Wir reden und lachen und selbst Momente voll Schweigen und seriös gucken, sind nicht mulmig, nicht angespannt. Ich frage, die Frage aller Fragen und bekomme, die Antwort, dass es eben manchmal so ist, dass die Liebe endet.

Die Antwort ist unbefriedigend, im Gegensatz zum Tagesverlauf und als der Himmel von grau-blau zu anthrazit wechselt fahren wir heim. Wir haben das Gefühl vor Hunger zu sterben, wie das nach Strandtagen so ist und beim Steak durchblättere ich die Fotos des Tages im Kameradisplay. Die Frau, die ich sehe ist eine andere als die, die ich vom Grafen kenne, es ist die, die ich öfter sehe…

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7 Kommentare - “Nichtpärchentage am Strand”


  1. dürfen wir mal das ein oder andere Foto dieses einmaligen Tages sehen? bitte! :))

  2. blaueSuppe Says:

    Auch ein Hach-Beitrag. Mit einem kleinen Klumpen. Aber schön!


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