Archiv für September 23, 2010

ein Nordlicht im Dirndl

September 23, 2010



Mittwoch und München verschenkt Kaiserwetter. „Wenn Engel reisen.“, möchte ich bloggen oder via sozialem Netzwerk verkünden, aber ich habe keine Zeit.

Mein mittwöchlicher Vormittag beziehungsweise Yvönnsche führt mich in ein Fachgeschäft für Trachtenbekleidung und mir ist gelinde gesagt extrem übel, aber ich bin entschlossen: München wie eine Mottoparty zu empfinden, Holz vor den Hütten als Zusatzgrund und fürs Gewissen kommen Dirndl a) nie aus der Mode und sind b) bei meinen Massen an Münchenbesuchen definitiv eine gute Anschaffung.

Dirndlkauf schließt Dirndlanprobe mit ein.

Und Dirndlanprobe ist eine ungemein anstrengende Sache. Zuallererst zieht man sich quasi splitternackend aus, um sich dann in eine Ansammlung von Rüschen und Spitze und Puffärmelchen zu basteln und sich nebenfrei zu fragen, wie eine Bluse, die gerade so bis unter die Brust geht mehr als eine halbe normale Bluse kosten kann. Noch bevor ich der Antwort nachgehen kann, kommt Renate mit einer Monsterauswahl an Dirndl überm Arm. Pastell ist gerade ungemein modern. Weiße Bluse und Pastell ist eine Kombination, die mich schaudern lässt. „Dirndlmoden sei anders…“, Renate wischt meine Zweifel weg. Ich probiere mich in zartlila mit hellgrüner Schürze. Obwohl ich probiere maßlos übertrieben ist, ich werde probiert, denn ich selbst kann bei dem Dirndl maximal zwei Knöpfe selbst schließen, die weiteren acht kann ich noch nicht mal sehen (unterhalb des Holzes und so), „Zuhalten…“, dirigiert Renate und ich ziehe den Baumwollstoff über meine Bauchdecke während ich versuche möglichst flach zu atmen. Ich bin drin und flach atmen scheint ein Dirndlbegleiter zu sein. „Das gehört so.“, versichern mir Yvönnsche und Renate mit viel mehr Worten. Ich bin mir sicher, wenn was runter fällt werde ich es nicht aufheben, egal wo, egal was, aufheben ist alle, aufheben lassen ist die einzige Möglichkeit etwas zurück zu bekommen was unter von einem Meter Höhe ist, freundlich sein und lächeln heißt dann wohl die Devise, daher also der Flirtfaktor der Wiesn: Lächelnde, bedirndlte Frauen und charmant, Sachen aufhebende Männer.

Ich hätte gerne etwas Dunkelblaues mit roter Schürze, oder andersrum. Dunkelblau ist aus. Es ist halt Wiesnzeit und da dämmt sich wohl selbst in der Trachtenhochburg München die Masse an Dirndl etwas ein. Zwei weitere Dirndl sowie ungemeine Anziehhürden später findet Yvönnsche was Schwarzes mit Streuröschen in zartrosa und grün, grün wie die Spitze am Ausschnitt, für den ich wahrscheinlich vorm Tragen einen Waffenschein machen muss, dazu die passende Schürze.

Yvönnsche und Renate kommen ins schnacken, das hier wohl plaudern heißt. Ich stelle mich der Herausforderung und nessle bis ich mich selbst eingeknöpft hab. Selbst anziehen hat seit langer Zeit schon nicht mehr so stolz gemacht, auch eine Münchenerfahrung. Ich bin drin, in meinem Dirndl; Renate, die Perle von Dirndlverkäuferin erweitert mein Outfit noch um die passende Kette und schickt mich dann vor den Spiegel.

Zehn Minuten später bin ich hundertfünfzig Euro ärmer und eine übertrieben kurze Dirndlbluse, einen Streublümchenrosensammlung auf dunklem Stoff samt Waffenscheinausschnitt, eine grüne Schürze, eine passende Kette und das Gefühl, die beste Nichtverkleidungsverkleidung gefunden zu haben, reicher.

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