wie ich zur Heldin wurde

Das Leben ist ruhig, kein Lüftchen weht, es ist so windstill, dass ich im Wind meines eigenen Atems stehe.

Was ganz klar eine Lüge ist, es ist nicht windstill, die Sommerreste führen zu gebogenem Baumspitzen, zu gespenstischem Rascheln und zum Flattern meiner Sonnensegel, die inzwischen ziemlich unnütz sind.

Ich habe keine Höhenangst, nur einen gesunden Respekt in der Magengegend. Die Sonnensegel flattern, die Halterungen am Dach ächzen und quietschen als würde man sich in eine Wanne voller Katzen legen. Das liegt daran, dass sie aus Metall sind. Es ist grausam, so grausam, dass ich Angst habe die Nachbarn werden mich umbringen, denn der Katzenjammer ist laut, ich höre ihn übers Dach hinaus bis hinein in mein Schlafzimmerfenster, welches auf der anderen Seite der Wohnung liegt.

Aus reiner Angst vor dem Tod durch die Nachbarn und so (vielleicht doch ein bisschen auch auf Grund des Nervfaktors) steige ich auf den Balkon. Ich trage ein wenig charmantes Nachtbekleidungsoutfit, mit dem ich garantiert keinen Schönheitspreis gewinnen werde, aber die Nacht ist dunkel, zumindest relativ dunkel. Ich klappe die blaue Metallleiter auseinander, der Wind wölbt mein Sonnensegel bauchig. Ich steige drei Stufen empor und weiter, bis ich oben stehe, wieder Sonnensegelbauch, der Wind zerrt, dicht neben meinem Ohr vertrautes Katzentretmetallquietschen. Ich klammer mich an den Karabiner, Leiterhöhe, plus Körperhöhe ergibt Unfallhöhe größer gleich Balkonbreite gleich Tod.

Ich steige die Leiter herunter. Der Wind verlacht mich, die Karabinerkatzen wimmern, ich beuge mich über das Geländer, stille Tiefe. Ich strecke meinen Arm aus wie ein Ertrinkender nach einer Holzbohle nur in die falsche Richtung, mein Arm greift nach der Geländerhalterung der Sonnensegels, zur Nichtverengung der Balkonfläche circa 50cm außerhalb meiner Balkonbohle, 50cm mitten in der windigen Nachthimmeldunkelheit. Das Halterungs-L wackelt im Wind, der Sonnensegelbauch intensiviert diese Wirkung. Toll, dass ich superhaltbare Doppelknoten machen kann, weniger toll, dass ich sie 50cm außerhalb meines Balkons an dem Ende eines „L“s machen musste. Endlos scheint es, Haare, Gesicht, Wind, dann der Knoten löst sich, Sonnensegel, Gesicht, Haare, Kuddelmuddel. Ich rudere zurück auf den Balkon überall Sonnensegel in finsterster Nacht, ich rudere mich frei.

Der Segelvorhang verdunkelt nahezu die gesamte Fensterfront meines Wohnzimmers, ich ignoriere das, erklimme dir Leiter, sie könnte sicherer stehen, ich bin zu kurz, das Dach in nahezu unerreichbarer Höhe, ich erklimme die oberste Stufe, eine pseudosichere Plattform, meine Hand klammert sich an den Fensterrahmen, meine zweite Hand fischt nach den Karabinern, der Blick gen Horizont, angeblich soll sich das positiv auf den Gleichgewichtssinn auswirken. Etwas auf die Zehenspitzen und der Karabiner ergibt sich mir, wandert in meine Hand, Triumph im Kleinen. Zwei Karabiner to go, meine Schattensilhouette malt seltsame Bilder, die Nachbarn von gegenüber schauen: Nachhemdgestalt auf Leiter im Kampf mit Sonnensegel.

Und sie gewinnt. Sonnensegel null, Lies von Lott eins, Katzenkarabinergeheulende.

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8 Kommentare - “wie ich zur Heldin wurde”

  1. Erdbeere Says:

    Wow, das hörte sich aber nach einer nicht ungefährlichen Aktion an. Da bin ich aber froh, dass Dir nichts passiert ist!
    All das haben wir dem Klasse Sommer zu verdanken, bäh!

    Lieben Gruß

  2. Cièlle Says:

    Ufff… gut gegangen! Mei, da blieb mir doch glatt beim Lesen ein bisserl die Luft weg! Supertoll geschrieben!
    Überhaupt – bei dir gibt es viel zu entdecken! Ich schau wieder vorbei!

    Und: danke für deine guten Wünsche und deinen Besuch bei mir!

    Grüßle Cièlle

  3. paulaqu Says:

    Applaus! Champagner!!

  4. paulaqu Says:

    Der Fisch ist angekommen, und sollte eigentlich Freitag gereicht werden ….ABER… manchmal kommt es eben gaaanz anders! Wird einfach Zeit, daß hier wieder „Normalbetrieb“ stattfindet (d.h. die Ferien rum sind, alle wieder aus dem Haus sind am Morgen, und der Baustellenbetrieb eingestellt wird…und dann gibt hoffentlich auch wieder Freitagsfisch, habe jetzt ja mal wieder „Material“, DANKE!!!).


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