allein, allein – mittig in Reihe L

Ich fasse mir ein Herz, ich lade mich in Kino ein – allein, allein.

Die Karte habe ich schon vor dem Abendessen gekauft um nicht die Flucht zu ergreifen nach der Pasta und meine Couch dem dunkelroten Kinosessel vorzuziehen. Neun Euro kostet Kino inzwischen und das auch nur in der Holzklasse, aber Holzklasse ist gut, ich sitze in Reihe L und mittig noch dazu.

So mittig, dass direkt neben mir – ohne Anstands-, Anstandsplatz dazwischen – eine Arbeitsgemeinschaft von Schwestern des naheliegenden Krankenhauses Platz hat und auf die andere Seite noch ein Pärchen passt. Zu einem Film, einmal Popcorn und einer Kola kommen also ein Pärchen und eine zehnköpfige Frauengruppe. Sich allein fühlen funktioniert in großen, fremden Gruppen immer noch am besten.

Noch fünfzehn Minuten bis der Film anfängt, vor mir sitzt jetzt ein weiteres Pärchen, ich drehe mich um und stelle fest, dass ich von den einzigen zwei Männern umgeben bin, die sich überhaupt in diesem Kino befinden, ich wundere mich nicht – eine weibliche Kinoheerschar sozusagen. Eine der zehn Krankenschwestern neben mir stellt die Beine auf einen mittelgroßen Karton, „Führen Sie den immer mit?“, versuche ich mir ein halbes Gespräch zu erschleichen, sie lächelt und entgegnet ein „Sicher doch.“, dann geht’s aber weiter über Kinder, Abibälle und passende Handtäschchen, noch dreizehn Minuten, ich schalte mein Handy aus.

Der Saal verdunkelt sich, endlich der Film beginnt, beziehungsweise die Werbung, aber Kinowerbung hat doch irgendwas, ein schlecht gemachter Charlies-Angels-Verschnitt-Spot wirbt für das Nagelstudio um die Ecke, riesige Eiskonfektstücken wandern quer über die Leinwand von ihrem Mund in seinen Mund keck verbunden durch einen Kuss (jaja, Gefrierkalorien erhalten die jugendliche Liebe), frische CDs werden umworben, ich krame in meiner Handtasche und mache eine Notiz für ROX, die neue GEZ-Werbung hat massig Fußballbezug und tritt bei mir eine leichte Werbeenttäuschung los , ich vermisse das disch-disch-disch schwarzer Grund mit weißen Großbuchstabenumrandungen „GEZ schon gezahlt„, aber man kann es nicht jedem Recht machen, die Fußballnation freut sich sicher.

Ein weiteres Monstereis wird eingeblendet, dann Pause, adrette Mädels mit Eisbauchläden, wieder abstrakte Musik, der Kino-DJ (oder kommt das vom Recorder) hat einen Hang zu seltsamen Übergängen und keine Skrupel Nirvanas „Poly wants a cracker“ direkt nach einer 80er-Jahre-Modern-Talking-Gedächtnisstütze zu spielen. Endlich wird die Musik leiser, die Bauchladenschönheiten verabschieden sich mit einem geübten „Schöne Vorstellung!“, ich knabbere eisfrei an meinem Popcorn. Es geht los.

Pünktlich zur beginnenden Hauptfilmvorstellung stellen sich mir die Armhaare gleich einer Laolawelle auf und ein Schauer huscht mir über den Rücken, „Es ist immer so frisch in Kinos…“, sagt die Krankenschwester mit den hochgestellten Beinen, aber nicht zu mir. Ich glaube, das ist Kinostrategie um die Spannung zu steigern, um ein bisschen Rührung herzustellen, Aufregung zu produzieren.

Ich liebe Kino, ich vergesse es nur immer wieder. Ich bin sehr empfänglich für Spannung, Rührung und Aufregung, aber vor allem Rührung.

Mittendrin – so überraschend als wäre das Band gerissen (kommen Kinofilme noch vom Band?) – eine Pause, inmitten einer Poolszene schwarzer Hintergrund und darauf gleich einem Stummfilm „Pause“ in weißer Schrift, „Weil Frauen immer aufs Klo müssen“, sagt dem männliche Teil des Pärchens neben mit und dann geht das Getippel los, übergeworfene Jacken lassen eher eine Kippenpause wie zur Schulzeit vermuten und rund zehn Minuten später sind wir wieder am Pool mit vier New Yorkerinnen in phantastischen Roben.

40 Minuten später ist alles vorbei, mein Kopf schwingt zur Schlussmusik, drinnen gedankliche Modenschauen, kurz bin ich wieder ganz Modemädchen und morgen dann Stoffmarkt im Alsterdorf.

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10 Kommentare - “allein, allein – mittig in Reihe L”

  1. Himmelhoch Says:

    Kino?????????? Ach ja, da war doch noch was??????? Als ich im Kino noch alles verstand (Ohren, Inhalt?) und alles passte (Preis?), bin ich auch sehr gern gegangen, jetzt ziehe ich das Kopfhörer-Fernsehen vor, wenn überhaupt.


  2. ich mag Kino auch sehr gerne. Aber beim besten Willen ungern am Wochenende… wirklich gigantische Preise werden einem da abverlangt! :(
    Dann doch lieber Montags, dem Kinotag in meiner Stadt!
    Auch witzig, dass es bei euch noch Eis-Damen gibt. Wurden hier vor gefühlten Jahrzehnten schon abgeschafft.. :D

  3. Frau Eiskalt Says:

    Mhmmm das ist eine Sache, die noch auf meiner To-Do Liste steht – „einmal allein ins Kino gehen“. Vielleicht mache ich das heute Abend sogar…

    Und wie hat Ihnen der Film gefallen, Frau von Lott? :)

  4. Herr Teddy Says:

    Sex and the City 2 (???) hat ja nicht so gute Kritiken bekommen. Wie fanden Sie den?
    Die ersten Fernsehstaffeln hab ich ja noch sehr gerne gesehen – da waren sie noch echt witzig.


    • Filmkritik siehe oben und ansonsten – Paiettenhosen, Turbane, Riemchenschuhe, Abendkleider, Schlafgewänder, Glitzerfummel, Pumps, Ausgehkombis, Sandalen, Überwerfdingilies usw…

  5. Lola Says:

    Allein ins Kino gehen finde ich gar nicht so schlimm. Ich geh auch manchmal alleine essen (allerdings nur in meiner Stammbar, da sind immer einige, die allein da sind.) Das geht.

    Den Film fand ich ganz herzig, allerdings auch nicht vergleichbar mit der Serie oder dem ersten Film. Und ich dachte noch „Alter, wie kann man mit so nem Kleid zum Basar gehen???“ Unpraktisch, diese Couture.


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