Bergfahrprivileg und Pathos

Nach annähernd vier Stunden, einem weiteren Tankstopp, einigen Kassler Bergen und der nimmer enden wollenden Göttinger Baustelle mit den frustrativen Halblächelsmilies „noch 10 km“ stehen uns jetzt zwei Feuerwehrleute und eine improvisierte Schranke im Weg. Internatsfeuerwehr sind wirkungslos in Internatsalltag, die Stunde der Freiwilligen schlägt bei Elterntreffen, Großveranstaltungen und eben Ehemaligentreffen.

Ein Machthasch, empfunden breitschultrig sitzen die Frischvolljährigen am unteren Teil des Berges dessen Spitze unser Ziel ist. Unbestechlich wirken sie und entnervt von den Sprüchen der Ehemaligen, die sie wahrscheinlich schon den ganzen Tag umgeben. „Früher“ als rudimentärer Satzanfang für alles: „Früher haben wir… …und das war ne Zeit.“, „Früher durften wir immer hoch fahren.“.

Früher war nicht alles besser, aber wir erinnern und mit Vorliebe an die besten Zeiten, an die wildesten Parties, an den großartigsten Zusammenhalt, an die geheimsten Verabredungen, an die lustigsten Geschichten – eine Fähigkeit, die auch diesen Internatskindern erhalten bleibt und wenn sie in fünf bis zehn Jahren zurückkehren werden sie unten am Berganfang stehen und sagen: „Früher durften die Ehemaligen immer hoch fahren, bei uns war das noch alles viel besser.“ (Ich lege damit Platz für neue Mythen als die Ehemalige, die immer hoch fahren durfte.)

Ob es an meinem nervösem Lächeln liegt, der Nichtfrühererwähnung, der fortgeschrittenen Uhrzeit oder dem Argument, dass Moritz als Soljankaschüsselchenauto so klein ist, dass es in der Küchenschublade einer Lehrerwohnung parken könnte, das Privileg des Aufdenbergfahrens ist unser.

Moritz der tüchtige Kleinwagen freut sich nur begrenzt…

Steigungen sind nicht so seins und diese Steigung ist auch mit der richtigen Pferdestärke eine Herausforderung. Moritz quält sich bis in die Bobkurve, eine Haarnadelkurve, die ihren Namen von der deutschen Nationalmannschaft hat, die irgendwann – weit vor den 50ern – hier das Bobfahren übte, mit Randaufbauten und allem was dazu gehört (aus der Rubrik: Was der Deutschlehrer noch wusste). Das Miniauto mit der Option auf Schubladenparkplätze nimmt ächzend jene Kurve, deren Namensgrund langsam in Vergessenheit gerät, ich schalte in den ersten Gang, vom schwindenden Tageslicht ist nichts zu sehen, abgeschirmt durch das Blätterdach der Baumkronen schleichen wir uns im Halbdunkel an, immer Richtung Licht, welches aufbricht, sobald man das Schlossgelände erreicht – mehr Pathos geht nicht.

Das Licht bricht auf, ein altbekanntes Bild. Pathos, Pathos, Pathos bis in die Fastunerträglichkeit auf den letzten Metern, ich nutze mein Bergfahrprivileg aufs Gröbste aus und stelle mich vor das sonst immer offene Tor, das heute verschlossen ist um die Feuerwehrunaufhaltsamen wenigstens durch massives Holz zu stoppen. Schwungvolles Einatmen und stoßhaftes Ausatmen, Kleidung gerade Streichen, kurz unauffällig in den Rückspiegel gucken, seltsames Blinddategefühl, welches vollkommen übertrieben ist. Aussteigen.

Das blaue social-networking-F hatte verkündet, dass die Masse der Besucher für mich kaum von Bedeutung wäre. Als ich mich durch die Anmeldung klickte – wenig bekannte Gesichter und noch weniger, bei denen mein Herz gehüpft wäre. Aber mein Herz hüpft!

Ich bin aufgeregt. Mulmiges Gefühl, Brausepulverbauchkribbeln und Vergangenheitsbewältigung mischen sich zu einer Art allgegenwärtigen Lampenfieber. Mein Herz hüpft und trommelt wie ein Duracellhäschen, kurz überlege ich, was passiert, wenn wir (der Rest und ich) uns nichts zu sagen haben, dann höre ich meinen Namen und „Hier hoch zu fahren und wenn dann das Dunkel des Waldes auf bricht und dann das Schloss, wie früher nur anders… …Ich hatte fast Pipi in den Augen.“.

Gruppenzwangpathos!“, denke ich. Und weiß, wir werden uns etwas zu sagen haben.

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