der Weg ist das Ziel – Kiezslalom

Nach meinem Kalaschnikowfreitag verspüre ich nicht die geringste Lust mich außerhalb meiner eigenen vier Wände aufzuhalten, aber es ist Geburtstag angesagt und der Geburtstag der besten Unifreundin ist nicht zu schwänzen.

Also quäle ich mich in ein angebracht lässiges Outfit und mache mich gegen neun auf den Weg gen Kiez. Ich schlüpfe aus der Bahn, die S-Bahn-Station riecht nach Kiez, Kiez wie Kiez eben riecht im Untergrund, eine Mischung aus zu viel Männerparfüm, Urin und verschüttetem Bier.

Kiez gegen zehn: Umherschwirrende Tourigruppen teilweise mit Familie, angeführt von C- bis X-Prominenz, Kostümierten, Geschichtsstudenten und/oder Lebenskünstler, da wird hinter Schirmen hergedackelt – illustres menschliches Herdenverhalten in unbekannter Umgebung. Zwischen den Herden sehe ich Mädels um die 19 in zu hohen Schuhen, die sich gerade auf den Weg in den nächsten In-Club machen, es wird über Sven gelästert oder Jens und im Vorbeigehen lässt sich ahnen, dass er der Ex von der ist, die am wenigsten glücklich mit der eigenen Schuhwahl scheint.

An der Davidwache stehen sich friedlich Polizisten und Schwälbchen gegenüber, die Schwälbchen stehen auf der Burger King Seite – vielleicht die bessere Seite, zumindest was die Grundversorgung angeht. Hinter mir eine weitere Regenschirmgruppe angeführt durch eine schrille Transe. „Haben Sie die bestellt…“ (alter Touriwitz) „Ja natürlich, aber hätte ich gewusst, dass du so zurückhaltend bist, hätt ich nur die Hälfte bestellt.“ (altes Transenkontra)

Grüne Ampelphase mit Polizei im Rücken wartet man, ein Fahrradfahrer mit Weidengepäckträgerkörbchen kreuzt, vorbei bei Mothers Finest, wo es neben tollen Nacht-Überlebenskäsetoast Fließen zu bewundern gibt, die wie Eulen aussehen und der Kakao noch mit Milch gemacht wird.  Und man bis nachts um halb drei noch Fritzmelonenbrause gibt. Halb drei wird abgeschlossen, auch das gibt’s mitten aufm Kiez…

Dahinter sitzen Alkoholiker vor verwahrlosten alten Häusern. Zwei Ecken später bin ich da, grandioser Blick auf den Hafen, selbst vom Erdgeschoss aus. Hinter mir sehr exklusive neue Eigentumswohnungen, die Taxen kreisen, Richtung König der Löwen und zurück, Richtung Theater und zurück, überall hin und von überall her, schwarz-glänzende Autos namenhafter Hersteller fahren in die Tiefgarage, ein Page raucht eine am Dienstboteneingang…

Jammi kommt raus. Feierabend, endlich Feierabend, die Lichter des Kiez flimmern, tiefschwarz liegt das Wasser in der Elbe, der Kiez ist gerad erst aufgewacht.

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10 Kommentare - “der Weg ist das Ziel – Kiezslalom”

  1. Herr Teddy Says:

    Wow! Hört sich wahnsinnig aufregend an. Fast wie Oranienburger Straße in Berlin, wo sich auch die Touris zwischen Schwalben, Junkies und merkwürdig aussehenden „Künstlern“ hindurchschlängeln.


  2. Ich liebe diesen Weg vom Kiez runter zur Elbe. Muss dringend mal wieder nach Hamburg.

  3. zimtapfel Says:

    Die Schwälbchen, wie schön! Ich mag diesen Ausdruck sehr.
    Erinnert mich an einen Hamburgbesuch vor vielen Jahren zusammen mit unserer australischen Ausstauschschülerin, zum Phantom der Oper. Und ein Kiezbesuch musste für die Landeier bzw. Gäste von Downunder natürlich auch sein. Die Australierin kriegte sich kaum mehr ein, als ich ihr neben diversen anderen deutschen Ausdrücken auch „Bordsteinschwälbchen“ näherbrachte. (Die entsprechenden australischen Bezeichnungen habe ich leider in all den Jahren wieder vergessen.)


    • Schwälbchen ist nicht so abwertend, deswegen mag ich das… Tourilandeier und faszinierte Fremdländer mag ich aber auch, während ich meine gewohnten Bahnen laufe der Blick nur auf das was ich eh sehen will, spähen sie in alle Ecken und Erleben Faszination/Mythos/Fremdwelt Kiez.

  4. Lilie Says:

    Einfach toll! Danke für den kleinen Ausflug. Ich muss unbedingt wieder mal nach Hamburg …

  5. Yvönnsche Says:

    Die realen Führungen von Frau Lott sind sehr zu empfehlen und stehen dieser textlichen Variante in nichts nach.

    Lieben Gruß,
    Yvönnsche

    • frau musgrave Says:

      Au ja, wuerde ich beim naechsten HH Besuch gerne in Anspruch nehmen liebe Frau Lott!


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