Kiezabend mit einer Domina

Nachdem die Exvormittagskollegin ihren eigentlichen 50.Geburtstag klammheimlich in Afrika verbracht hat, wurde nun nachgefeiert. Das hatte wenig mit Freiwilligkeit zu tun, aber wenn man 50 wird, hat man wohl nur begrenzt eine Wahl, insbesondere wenn die Hausdame, meine Exchefin und Organisatorin sämtlicher Angestelltengeburtstage eine feierwütige Domina ist – eine Geburtstagsdomina sozusagen.

Nachdem ich tagelang den Klingelbeutel schwang, kam eine stattliche Summe zusammen, die nun fast drei Monate nach dem eigentlichen Geschehen auf den Kopf gehauen wurde, in mittlerer Runde.

Die mittlere Runde bestand aus der herrischen Hausdame alias Miss Dominanz, der hilfbereit-verständnisvollen Agrarkulturabteilungsassitenz, der blitzgescheiten Internetfee mit den Madonnazähnen (soll heißen Mut zur Lücke zwischen den vier oberen Vorderzähnen), einer leicht verzogen wirkenden Alleinkämpferin der elektronischen Unterabteilung alias Miss Nose-up, mir und selbstredend aus dem Geburtstagswesen.

Die Abendgestaltung bestand aus folgenden Programmpunkten:

  1. Umtrunk im Cafe Wien
  2. Taxifahrt gen Kiez
  3. Pulverfassbesuch
  4. Absacker irgendwo auf dem Kiez

 

Im Cafe Wien war die Stimmung vorfeiertäglich entspannt, die Hausdame feierte sich selbst, da sie (eigentlich müsste sie groß geschrieben werden um die Betonung zu verdeutlichen, also SIE) vorab bereits für jeden einen Käseteller bestellt hatte, der eigentlich nicht auf der Karte stand und der dem Restaurantinhaber wohl kurz vor unserem Eintreffen noch Stresspusteln auf die Wangen gezaubert hatte, aber der Kunde ist König und wenn eine herrische Hausdame mit von der Partie ist, die jährlich 50 Veranstaltungen vorzubereiten hat, ist der Kunde eben auch mal Kaiser im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Später stellte sich heraus, dass das Geburtstagswesen vorgeschlagen hatte vorm Kiezabend etwas zu essen, da Kiezabende die Angewohnheit haben nicht vor Mitternacht zu enden und auf ihren Wunsch hin hatte sich die Abenddiktatorin durchringen können statt einer reinen Weinverkostung auf einen Käseteller zu bestehen (glücklicherweise, denn ich trinke keinen Wein). Neben dem Käseteller plante die Alleinherrscherin einen baldigen Empfang und war bemüht jede Kellnerin und den immer noch Käseteller geschockten Chef um sich zu scharren, das Servicepersonal flatterte. Orientalisches Ambiente sei gewünscht, eine Bauchtänzerin und orientalische Speisen – selbstredend. Die Agrarkulturabteilungsassitenz warf ein, dass man auch an die musikalische Untermalung denken sollte, aber sie erntete nur einen vernichtenden Blick und die Information, dass orientalische Musik jeden nur nerve, der Chef lachte nervös und ich fragte, wozu sich die Bauchtänzerin denn bewegen soll, aber das fragte ich nur mich. 

„Schätzelken“ (in dem Fall ich) sollte dann etwas über den neuen Job plaudern und ich erzählte von russischen Offizieren, Anlegern und Beiräten, bevor das Gespräch auf Haustiere überlief. Nachdem ich sämtliche Informationen über alle Haustiere der anwesenden Haustierbesitzer gelegentlich nickend durch meine Gehirnwindungen hatte sausen lassen um sie dann wahlweise über Ohr links oder Ohr rechts wieder rauszuschmeißen, klagte das Geburtstagswesen ihr Leid über die aktuelle Bausituation in ihrer Wohnung: Der Eigentümer baue, es gäbe keine Infos, Terrassenmöbel und Blumentopfe seinen verschwunden, 300kg Sand dafür da, samstags um acht würden polnische Handwerker klingeln und mit Händen und Füßen erklären, dass sie die Wohnung nun ausmessen müssten, andere Verständigung sei nicht möglich, sie frage sich wie das in Sachen Wer-Baut-Was-Und-Wie funktioniere, aber dieses Rätsel konnte selbst unsere Abenddiktatorin nicht lösen, dafür aber wiedersprechen als es um Mietminderung ging, schließlich wohne das Geburtstagswesen gern dort und solle es sich mit dem Vermieter nicht verscherzen, ihr sei kürzlich etwas ähnliches passiert. Sie erzählte eine andere Geschichte.

„Schätzelken“ sollte dann ein Taxi organisieren, besser zwei, aber in diesem Fall war eine der Servicegrazien angedacht.

Die Agrarkulturabteilungsassistenz verabschiedete sich, die herrische Hausdame, Miss Nose-up und die Internetfee nahmen das erste Taxi. Das Geburtstagswesen und ich das zweite. „Ich bringe Sie so dicht ran, wie ich kann und dann kämpfen Sie sich allein durch.“, sagte der überaus nervöse Taxifahrer und ich fühlte mich wie auf einem Wochenendtrip ins Krisengebiet. Der Hamburger Krisenherd, den unser Fahrer fürchtete, war schlicht Fußball. Spanien gegen England, was an uns Frauen vollkommen vorbei gezogen war, während man bei den Erzählungen des Taxifahrers zumindest annehmen musste, dass dieser abendliche Ausflug mit einem Dreitagesmarsch durch den Jemen gleichzusetzen war.

Er fuhr uns bis eine Parallelstraße vor der Reeperbahn, circa einen halben Kilometer vom Pulverfass entfernt, Nähe Davidwache. Und dann hatten wir freie Sicht auf den Krisenherd, der sich buntbeflaggt mit Gesichtsbemalung und dem klassischen Fußballpegel im Singen, Tanzen und/oder Jubeln übte. Schmückendes Beiwerk war die Polizei, welche die Eingänge zur S-Bahn abschirmte. Wobei ich kurz an unseren Verkehrsverbund dachte, der neuerdings eine lustige Art hat mit einer Übermasse an Fahrgästen klar zu kommen, nämlich dem Nichttransport. Dieses lang geübte Verfahren wurde also wieder angewendet so, dass sich die Fußballmasse wippwogend aber friedlich vor den S-Bahn-Toren befand und ausharrte.

Ich bin kein regelmäßiger Kiezgänger, aber doch geübt, das Geburtstagswesen immer einen halben Schritt hinter mir schlängelten im Slalom durch die Fußballfreunde. Vorbei an Platauschwälbchen um den Hans-Albers-Platz herum und nach fünf Minuten hatten wir unser Ziel erreicht – das Pulverfass.

Als Nicht- oder Neuhamburger muss man wissen, dass das Pulverfass eine Institution ist. Seit 36 Jahren bietet die Travestieschau Menschen die sich im Umwandlungsprozess vom Mann zur Frau befinden einen Broterwerb, zumindest wenn sie zeigefreudig, musikalisch, komödiantisch oder anderweitig begabt sind. Passend zum Klischee ist das gesamte Interieur in den verschiedensten Rottönen gehalten, aber weder im noch außerhalb des Interieurs waren unsere Ersttaxidamen zu entdecken.

Auf der anderen Straßenseite erschien eine vollkommen schockiert drein blickende und gar nicht mehr so selbstsicher wirkende Abenddiktatorin, gefolgt von den anderen fehlenden Zweien. Auf die Frage wieso, wieso wir denn schon da seien, hob das Geburtstagswesen seine Vorzüge hervor und betonte, dass man als kleiner Mensch, wie sie es eben sei, eben überall immer recht schnell hin käme. „Als kleiner Mensch, der hinter einem etwas größerem Menschen (mindestens einen Kopf), der mit bösem Blick die Passanten verscheucht und den Weg kennt, sicherlich.“, aber die Geburtstagsmenschin hatte an ihrem Nachgeburtstag schon viel einstecken müssen und so lächelte ich nur allwissend.

Nach Unmengen Uneinheitlichkeiten die Getränkeauswahl betreffend, Wein sollte geteilt werden, aber farblich war man sich uneinig, geschmacklich sowieso, wurde endlich bestellt, dass war zu dem Zeitpunkt als der schwule Kellner schon angenervt mit den Augen rollerte und die Abenddiktatorin ihn mit einem „wunderschöne Augen haben Sie und dieses Lächeln erst…“ zurück auf ihre Seite ziehen wollte. Dieses Vorhaben ignorierte der touri-erprobte semitransparente Hemdentragende mit seichter Überheblichkeit, was die Abenddiktatorin noch anspornte, sie schwärmte in den schillernsten Farben, denn der wüsste schließlich wie man mit einer Frau umzugehen hatte. Erstaunlich, was Ignoranz für Reaktionen hervorrufen kann – Frauenphänomen.

Die Show begann.

Auftritt Nummer drei, nach einer Vorstellungsszene und einem Cherdouble (welches bewies, dass scheinbar nur ein Mann Cher perfekt doubeln kann) war eine blonde selbsternannte Transe, mit schillerndem Paiettenkleid in Dunkelblau, darüber einem buntem Jäckchen mit Federnbesatz, orange leuchtete es auf den Lippen und was der Tuschkasten hergab wurde als Lidschatten unter die hoch gesetzten Augenbrauen gepinselt…

Und ich musste feststellen, dass eine gewissen Ähnlichkeit zu einer meiner Tischdamen bestand, insbesondere was den Hang zur Farbe in Sachen Augen-Make-up an belangte. Des Weiteren stellte ich fest, dass ich ein garstiges Wesen bin, aber beide Neuerkenntnisse teilte ich nicht mit den Anwesenden.

30Minuten vor Ende war noch eine kurze Pause, die von einer einzelnen Person genutzt wurde für Eigenreklame, denn schließlich sei der ganze Abend, ja ihre Idee gewesen und sie fände ihre Idee ganz wunderbar, die Show sei schließlich der Hammer (und das war sie auch), das Cafe Wien so ein netter Einstieg, das Geburtstagswesen erfand keine Erwähnung, dafür aber der Käseteller. Der Käseteller begleitete uns durch den Abend (aber ja, er war gut).

Eine weitere schwierige Entscheidungsrunde fiel an, nachdem das Pulverfass das letzte Mal die Beine in die Luft geschmissen hatten, die Brasilianerin noch eine Runde im Glitzerfummel gedreht und der falsche Matrose sich unter Zuhilfenahme einer vielleicht 20-Jährigen dunkelrot aufleuchtenden Südtirolerin zur Gänze aus dem weißen Anzug geschält hatte: Ein Absacker irgendwo auf dem Kiez. Man war unentschlossen, denn spontane Programmpunkte kann man vorher schlecht planen und so schob ich meinen Vorsatz, mich als Jüngste heute dem Mitläufertum zu widmen, zur Seite und wir gingen in die St. Pauli Bar.

Miss Nose-up besaß nur noch Hongkong Dollar (was sie beinahe vergessen hatte) und so zog ich mit ihr los zum Geldautomaten, es war kurz nach Mitternacht und scheinbar hatte halb Hamburg nur noch Hongkong Dollar, die Schlange schien endlos. Ich ließ sie stehen und ging drei Seitenstraßen weiter zu meiner Bank. „Sei bloß vorsichtig…“, wurde mir hinterher gerufen, ich musste etwas schmunzeln. Das Getränkegeld in der Tasche fand ich (unbeschadet) Miss Nose-up wieder, die immer noch wartete, allerdings inzwischen nur noch mit drei Angetrunkenen vor sich.

Die drei Angetrunken überbrückend, erzählte sie mir vom internen Firmenumzug und der Büroproblematik. Für die Organisation vom Umzügen und Büroausstattung ist ebenfalls Frau Dominanz zuständig, unsere Abenddiktatorin hatte wohl für ein winziges Büro drei Tische eingeplant, um diese drei Tische anständig zu besetzten hätte die Zimmertür immer offen stehen müssen, die andere Alternative wäre gewesen, dass zwei der drei Kollegen über einen Tisch hätten klettern müssen. Der unterstützende Handwerker erlaubte sich darauf mit dem Halbsatz „Ich denke…“ einen Vorschlag machen zu wollen, doch das Unternehmen schlug fehl. Frau Dominanz wies ihn an, das Denken denen zu überlassen, die zum Denken fähig seien. „Können Sie sich das vorstellen?“, ich konnte…

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4 Kommentare - “Kiezabend mit einer Domina”

  1. Thorsten Says:

    Kommentar :)

  2. chinomso Says:

    Ein Frauen-Abend der besonderen Art.
    Es ist, als wenn es einen kleinen Film gegeben hätte, zur Feier des Tages. Regie Frau Lies von Lott, mit Gedanken-Untertiteln.


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