Gutmensch

Neben einer Menge Wie-sie-ihre-Freundin-glücklich-machen-Spampost“, spannende Neuigkeiten aus dem E-Mailfach (obwohl elektronischer Briefkasten das definitiv schönere Wort ist): Eine Gutmenschin schreibt, sie sei zurück aus Malawi, alle Spenden seien verteilt, eine Schulküche gebaut, viel leuchtende Kinderaugen wegen der zusammengekommenen Spielsachen. Leuchtende Kinderaugen kann man auf den Bildern sehen und auch den Bauch der Gutmenschin, der aussieht als hätte sie einen halben Medizinball zum Frühstück gehabt. Schwanger, im Juni kommt die Kleene, auch das schreibt sie und dass das wohl vorerst die letzte Reise war (wobei – wie ich die Gutmenschin kenne – „vorerst“ eine Bezeichnung für die nächsten sechs Monate ist).

Ich kenne die Gutmenschin seit über zehn Jahren, sie war schon immer engagiert, mit Körper- und Geisteseinsatz bei der Sache, der guten Sache. Dabei trug sie neben einem Sommerkleid oder einem Anzug, Trekkingschuhen, Jeans und T-Shirt immer dieses gewinnende Lächeln und eine Freundlichkeit, die alle Türen öffnet.

Ich bin nicht besonders gut, ich bin garstig und boshaft und gelegentlich neidisch, ich zieh die Stirn kraus beim S-Bahnfahren oder wenn ich in Gedanken bin, habe noch nie wirklich demonstriert obwohl mich das Phänomen Demonstration reizt (auch nicht der richtige Grund, ich weiß), kein Ehrenamt beglichen, ich habe noch nichts Nennenswertes gespendet, insbesondere keine größeren Summen, ich habe nie ein soziales Jahr absolviert, ich habe Vorurteile, ich bin keine besonders gute Krankenschwester auch für geliebte Menschen nicht, ich tauge nur zum Medizin einflößen und diktatorischen Ausrufen ala „Du-musst-mindestens-zwei-Liter-trinken“ samt dazugehörigem Tee auf den Tisch stellen und wie man grandios an diesem Absatz erkennen kann, ich bin ichbezogen.

Neid finde ich am schlimmsten, so ungönnerhaft, so boshaft, so kleinkariert, so lieblos. Nicht dass besonders neidisch bin, eher Durchschnittsneidisch. Aber auch Durchschnittsneidisch ist fürchterlich, wahrscheinlich auch fürchterlich schlecht fürs Karma. Auf der persönlichen Liste der Charakternoblesse, wertvolle Maxime und erstrebsamen Charaktereigenschaften ist Neid nicht zu finden…

Ein wenig neidisch bin ich auf die Gutmenschin, deren Leben sich so nach Abenteuer, Weltenbummler, Hoffnungsträger anhört und nach Hoffnung riecht, so mutig und couragiert, dass einem das eigene Leben fast ein wenig feige vorkommt. Und natürlich auch auf dieses Lächeln, dass die Türen öffnet und Mauern einreißt und das immer genau so ist wie ein Lächeln sein sollte – herzerfrischend.

Oma sagt: „Neid gibt nichts, nimmt nur!“ Recht hat sie, was auch sonst…

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15 Kommentare - “Gutmensch”

  1. Himmelhoch Says:

    Einn „Gutfreund“ von mir hat vor Jahren heftig die These verteidigt: „Wären alle Menschen Egoisten, wären alle Menschen glücklich.“ – Ich konnte es ihm nicht so recht glauben.

  2. Ruthie Says:

    Sehr tiefgehende, wahre Gedanken. Wunderbar formuliert.

  3. Herr Teddy Says:

    Ja, ja, Sie sind so fürchterlich gewöhnlich! Schön wenn Sie das sein können, andere – wie Ihre Gutmensch-Freundin – können einfach nicht gewöhnlich sein. Aber ob sie auch glücklich sind, diese Gutmenschen, die immer etwas ungewöhnliches machen müssen?
    Das böse gehört zum Menschen wie das Schwarze zum Weißen, der Hund zur Katze (?) und Gutmenschen sidn mir immer etwas suspekt.


    • Ob die Konträreigenschaften pro Kopf verteilt werden oder sich das von Person zu Person (mal halb, mal viertel, mal ganz gut bzw. böse) unterscheidet müsste noch erwiesen werden.

    • Himmelhoch Says:

      Herr Teddy, selten so gelacht über ein Kompliment, dass so gar nicht den Tatsachen entsprechen will. Ich bin von einem Gutmenschen so weit weg wie von der Besteigung des Himalayas, die Beschreibungen von LiesvonLott träfen da alle schon viel eher zu. Vielleicht liegt es einfach am letzten Lebensdrittel, in dem ich bin – da ist frau vielleicht manchmal schon etwas abgeklärter, nicht besser oder ungewöhnlicher!

  4. Lilie Says:

    Auch hier – denke ich – gilt es, das gesunde Mittelmaß zu finden … Aber ich denke noch einmal drüber nach …
    Lieben Gruß
    Iris

  5. Herr Teddy Says:

    @ Himmelhoch: Hallo! Eigentlich war es eher verallgemeinernd gemeint, aber schön wenn Sie das als Kompliment sehen. Da ich Sie ja nicht kenne, hatte ich eher solche Gutmenschen (eigentlich ein schreckliches Wort, oder?) vor Augen die ich persönlich kenne und die sind mir wie gesagt suspekt. Denn ich denke, jeder hat irgendwo „eine Leiche im Keller“ und keiner ist wirklich nur gut. Und bei vielen ist das eben auch nur Schein/Fassade und dahinter sieht es eher düster und/oder traurig aus…

    • Himmelhoch Says:

      Doch von den echten „Leichen“ im Keller sollte frau ja hier wohl doch nicht erzählen, denn „Feind liest mit“. Und von den Diebstählen im Supermarkt oder den Banküberfällen nur dann, wenn sie schon verjährt sind. Dann ruft die Erzählung eventuell ein Schmunzeln hervor – und das ist fast das Beste, was ich mit meinem Blog erreichen kann.
      Clara Himmelhoch


    • Und nachdem Frau Himmelhoch schon ihre „Drogenvergangenheit“ ofenbart hat ist nun Vorsicht geboten…

  6. chinomso Says:

    Woah, solche Leute kennst du? Ich bin baff. Ich kenne nur Otto & Ottilie Normalverbraucher. Meinesgleichen eben. :-)

  7. seelenbalsam Says:

    Intressante Gedanken!

  8. frau kuni Says:

    interessant. Ich bin auch so wie Du. Pragmatisch und nutze meine Zeit für mich selbst. Zwar helfe ich gern, aber eher punktuell und sporadisch, ein dauerhaftes Engagement ginge mir auf die Nerven. Aber ich bin ganz sicher, solche wie uns braucht man auch. Irgendwo haben wir auch gute Seiten, oder? also IRGENDWO bestimmt…


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