zum ersten Mal…

Mit dem Älterwerden und ich meine damit nicht von 50 in Richtung 70, sondern dem generellen täglichen Älterwerden, werden die ersten Male seltener. Während man nach seiner Geburt so viele erste Male hat, an die sich später nur die Eltern und das Fotoalbum erinnern (Fremderinnerungen halt): Das erste Mal alleine auf den Bauch gedreht, das erste Mal Möhrenbrei erbrochen, das erste Zähnchen bekommen; schlägt spätestens im Teenageralter die Eigenerinnerung zu: Der erste Kuss, der erste Freund, das erste Mal heimlich in die Disko, das erste Mal mit Erlaubnis in die Disko, die erste Trennung und so weiter. Je älter man wird umso weniger erste Male kann man erleben (und ich betone dies nicht melankolisch, sondern realistisch)…

Eines der 2009-ersten-Male, an das ich mich gern erinnere, war mein Bungeesprung von einem hellblauen Kran in der Nähe des U-Bootmuseums kopfüber in die Elbe. Und nun bin ich erneut zum ersten Mal gesprungen… Zumindest irgendwie.

Ich habe gestern zum ersten Mal eine Kündigung für ein Arbeitsverhältnis geschrieben. Es heißt also – um es im Sinne der britischen Monarchie auszudrücken – „der Lächeljob ist tot, es lebe der Lächeljob“. Zum ersten April findet der Wechsel statt.

Neben dem Gefühl der großen neuen Chance, geregeltere Arbeitszeiten und auch im Krankheitsfall der Kollegin die Nichtoption von 13-stündigen Arbeitstagen, sowie einem Gehalt, das auch das Verreisen wieder möglich macht (zumindest ab und an), schwingt etwas Wehmut mit, ich mag den Lächeljob. Obwohl ich zu den outgesorcten Mitarbeitern gehöre und erst seit Dezember dies als mein alleiniges Objekt habe, funktioniert es gut: Meine Arbeit wird geschätzt, ich kenne fast alle der 200 Mitarbeiter, weiß um ihre Macken und Eigenheiten, werde mit in die betriebstechnischen Abläufe eingebunden, habe den Dreh in Sachen Zuständigkeitsbereiche raus. Wäre es (alias das Objekt) mit Aufstiegschancen und einem Gehalt, bei dem man am Ende des Monats keine Angst vor Ausfällen der haushaltswichtigen Geräte oder anderen überraschenden Ausgaben haben müsste, würde ich hier bleiben. Wäre – jaja, ein Leben im Konjunktiv!

Also ab – mit Sprung und Schwung – in ein neues Arbeitsverhältnis…

Mein Bungeejump war bei schönstem Sonnenschein, ich bin auf einen hellblauen Kran hinauf geklettert – gefühlte 1000 Stufen. Als ich oben stand hab ich mich von der Öffnung im Rundumgitter abgewendet und konnte ganz Hamburg sehen, grandios blauer Himmel mit Schäfchenwolken, die weit über den Dächern der Stadt flogen, der Wind machte die Hitze, die in der Stadt lag erträglich und obwohl weit entfernt, konnte man sehen wie sich die Sonne in den Fenstern der Bürogebäude bricht… Als ich mich dann umdrehte und gen Elbe (also 65m in die Tiefe) guckte, war mir gelinde gesagt extrem übel, dachte aber: „Kneifen is nicht…“. Ich stand also an der Kante, die Füße schon halb im nichts, das Gummiseil wurde fixiert, 20kg zerrten an meinen Knöcheln (ja so schwer ist ein Gummiseil), die Rückversicherung eine Karabinerleine am Rückengurt wurde gelöst und dann langsames Vornüberkippen, wie eine Vertrauensübung im Sportunterricht, ich mochte das schon früher nicht. Eigentlich war alles gut, bis zu dem Zeitpunkt, an dem klar wurde, dass hinstellen „alle“ ist. Ich schreie, schaffe es jedoch kurz vor der Wasseroberfläche meinen Schnabel zuzumachen, tauche ein – bis zum Bauchnabel und muss schon beim Wiederauftauchen grenzenlos lachen. Das Gummiseil federt nach, ich hopse ein paar Mal durch die Luft. Bis mich ein charmanter Mann des Bodenpersonals mit einem Greifarm zurück an Land holt. Ich fühle mich wie der mutigste Mensch der Welt – mit Abstand, weitem Abstand.

Und nun also neuer Job: Ach ja, kneifen is nicht…

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17 Kommentare - “zum ersten Mal…”

  1. zimtapfel Says:

    Oh wie geil! Ein Bungeesprung, das war jahrelang einer meiner großen Träume… Allerdings bin ich inzwischen sehr sicher, ich würde da oben auf der Plattform stehen und vor lauter Panik – was, DA soll ich jetzt runterspringen? Niemals! – die ganze Gegend zusammenkreischen und keine 10 Pferde würden mich dazu kriegen, den letzten, entscheidenden Schritt zu tun.
    Also meine größte Hochachtung, das du gesprungen bist! Danach fühlt man sich bestimmt eine Zeitlang irgendwie ein bißchen unbesiegbar, stelle ich mir vor.
    Und natürlich Glückwunsch zum neuen Lächeljob! (ich frage mich ja immer, was sich wohl hinter der Bezeichnung verbergen mag)


    • Wenn es mal springen wär, ich fand gerade das sich fallen lassen, so schwer!

      Und danke für die Glückwunsche…

      Und soll ich das Geheimnis des Lächeljobgeheimnis lüften?

  2. blaueSuppe Says:

    Chapeau! Ich hatte ja schon Pipi in den Augen, als ich von einem 4 m hohen Baumstumpf springen musste. Vielleicht lag’s aber auch daran, dass ich von Kollegen gesichert wurde…

    Gibt’s denn schon eine Alternative zum Lächeljob – also, was Neues? Oder war’s wieder ein echter Sprung ins kalte Wasser?

  3. Schaps Says:

    Das will ich auch noch UNBEDINGT machen!! Das wär dann auch für mich ein neues erstes Mal :)
    Und es ist gerade deswegen auch wichtig, immer nach neuen ersten Malen zu suchen, weil das Leben sonst einfach langweilig wird!


  4. Viel Glück im neuen Job!
    Und auch ich frage mich immerzu, was Du so eigentlich machst ;-)

  5. chinomso Says:

    Und auch ich wünsche, dass Lies von Lott den Wechsel als guten Schritt empfindet, wenn er denn vollzogen ist. Glückwunsch zu dem mutigen Schritt. Das ist auf alle Fälle spannend.

    Würd ich auch gerne. Aber mir fehlt der Landeplatz nach dem Sprung.

    Ich habe mich ja schon mal an der Enträtselung des Lächeljobs versucht. Hat nicht geklappt. Neugierig bin ich immer noch und immer wieder.

  6. Herr Teddy Says:

    Wo denn? Hab ich was überlesen? Ein Rätselspiel wär mir auch lieber gewesen…


    • Das Geheimnis um den Lächeljob, den sich niemand so recht vorstellen konnte… Aben nun ist es ja raus! Für das andere Geheimnis gibt es dann ein Rätsel, aber da bitte ich auch weiterhin um etwas Geduld…


  7. BungeeJump? 65m? Chapeau!!! da hätten mich keine zehn runtergekriegt. (rauf wohl auch nicht*grins*)
    Für Deinen JobWexel wünsch ich Dir jedenfalls alles Gute und immer ne Handbreit Wasser unterm Kiel.
    LGr aus der schönsten Hansestadt am Ryck von Wolfgang.


    • Jupp! 65m freier Fall in die Tiefe…

      Danke für die guten Wünsche… Und die Handbreit Wasser unterm Kiel nehm ich auch gern.

      Grüße aus dem schönen Hamburg.


  8. […] Kategorien: Clarageschichte und Lebensgeschichten Tags: Frühling, Winter Obwohl liesvonlott in ihrem Post die Älterwerdenden jenseits der 50 ausklammert, gibt es sie doch!!!!!!!!! Und sie […]


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