der Kampf um die verlorene Liebe – Teil 31

working titel: Das Wochenende und der Heldenmut

Es ist Sonntag ich sitze im Zug fahre durchs hessische Randgebiet und schaue der Erdal-Schuhcreme-Kröte auf den Arsch Hintern. Es ist eine Betonkröte, die eine Grundreinigung dringend nötig hätte, sie ist riesig und sitzt auf einem Turm. Ich frage mich, ob eine extrem dreckige Erdal-Kröte ein gutes Markenzeichen für eine sauber machende Erdal-Schuhcreme ist und ob bei Erdal schon jemand eine Krötenreinigung erwogen hat.

Wie gesagt, ich bin im hessischen Randgebiet, dem unteren südlichen Randgebiet.

Verschrien als Kind der fixen Idee, bin ich mir der Nähe von Süd- und Mittelhessen bewusst, wie kaum ein anderer. Die Überbrückbarkeit dieser 170km zu den sonst 530km nagt an meinem desolaten Nervenkostüm.

Als ich morgens um acht in Fulda in den Zug steige – ein winkendes Yvönnsche hinter und zweieinhalb Stunden Fahrt vor mir – fängt mein sonst gegen jede Art von Außeneinfluss resistenter Magen an gegen mich und meine Anspannung zu rebellieren. Ich fühl wie eine Sechsjährige, die alle Viertelstunde den Unterricht mit ihrem „Frau Lehrerin, ich muss mal!“ stört. Heute ist mein Magen die Sechsjährige und ich eine Art genervte Lehrerin… Das zugehörige, anhaltende Brausepulvergefühl führt auch nicht zur Verbesserung der Gesamtsituation, sondern nur zu der Frage, wie viel Übelkeit ein einziges Individuum empfinden kann?

Jeder Schritt zu seiner Wohnung scheint schwerer als der davor, ich fühle mich wie an einem Gummiseil und im Anfall von plötzlicher Weisheit denke ich, dass meine Entscheidungskraft genau bis zum Klingelknopf geht.

Ich klingle…

Manche Sachen können nicht übers Telefon geklärt werden und auch nicht bei einem Kurzbesuch, ich bin weder hier um zu sagen, dass ich ihn noch lieb habe, noch um ihn zu fragen, ob er mich zurück will, ich bin hier um ihn zu drücken. Aus purem Egoismus, weil ich nicht will, dass er mich vergisst und um zu sehen, ob er es noch ist oder nur die Erinnerung an ihn und ob das Gefühl, dass er mich noch lieb hat, dann weg geht…

Ich klingle, er ist da und der Überraschungsmoment auf meiner Seite.

Wir sind schwierige Menschen, wie aus einem schlechten Roman. Es ist nicht drücken, küssen, lieben und glücklich für immer. Es ist Verwirrung seinerseits, Aufregung meinerseits, nachdenken, vorsichtig reden, umarmen, nicht küssen, sich verabschieden (ob für den Moment oder für immer, vermag ich nicht zu sagen) und den Heimweg antreten.

Vielleicht wohne ich im Seifenblasenland (für Post bitte folgende Anschrift nutzen: Lies von Lott, Glückskleeweg 7, das kleine rosa Schloss mit den grünen Fensterläden und Seifenblasen aus dem Schornstein, Utopia), aber das Gefühl, dass er mich noch liebt ist noch da.

Sechs Stunden Heimfahrt, mein Kopf ist leer, alles andere auch, die Brausepulvergefühlsreste zerstreuen sich in meinen Eingeweiden. Irgendwo zwischen Schlaf und Nichtschlaf purzeln mir Sätze durch mein Hirn, obwohl ich mir sicher bin nicht zu denken. Vorbeiziehende Landschaft ist auch immer sentimental machend, Schnee, kahle Bäume und in der Ferne erleuchtete Städte jenseits der Heiterkeit.

Ich fühle mich als hätte ich den emotionalen Himalaja bestiegen, aber er ist es noch.

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22 Kommentare - “der Kampf um die verlorene Liebe – Teil 31”

  1. zimtapfel Says:

    Ach du…
    Das erinnnert mich jetzt sehr an mich und an Aktionen, die ich so gebracht habe, damals. Voll mit Herzklopfen bis zum Hals und dem dringenden Gefühl, das jetzt unbedingt tun zu müssen, bringe es, was es wolle, aber es wenigstens versucht zu haben.

  2. thorsten Says:

    du bist gut!!!

  3. podruga Says:

    schwierig, wenn man will, dass der ex einen noch liebt, wenn man will, dass er nicht ohne einen kann. schwierig, wenn man „the one and only sein will“.
    das kenne ich auch, das ist leider pure eitelkeit (das haben sie ja schon zugegeben). das schwindet, wenn man jemand anderen kennenlernt.
    und manchmal macht man einfach komische sachen.


  4. Danke für die Kommentare…

    Ich mag mich nicht in Erklärungen stürzen und Lamentierereien, daher werde ich dazu wohl mal ausnahmsweise nichts schreiben. Seit mir nicht böse, ja?

  5. frau musgrave Says:

    Ich lese sehr gerne bei Dir und kann mich so gut in das hineinfühlen was Du schreibst. Es ist wunderbar, dass Du so handelst wie Du es tust und nicht anders. Danke für das daran teilhaben lassen.

  6. Yvönnsche Says:

    Liebe Frau Lott,

    die Aktion, in einen Zug zu steigen, um zu IHM zu fahren, IHN zu sehen, IHN zu drücken und IHN dann auch gleich wieder loszulassen finde ich in Anbetracht Ihrer Situation genau richtig und kann Ihnen auch nur zu einer solchen Entschlossenheit gratulieren.
    Es war – zumindest für mich verständlicherweise – nötig, um zu sehen, was (auch von Ihrer Seite aus) noch für Gefühle da sind und es hat wohl den erwünschten Effekt gehabt.
    Gerne werde ich Ihnen auch zum nächsten Mal zuwinken, wenn Sie wieder vorhaben sollten, in einen Zug zu springen, um einen lieben Menschen zu drücken ;o)

    Lieben Gruß,
    Yvönnsche

  7. paradalis Says:

    Guten Morgen liebe Lies von Lott.
    Das ist wunderbar anrührend und dennoch so realistisch geschrieben, ich kann es nachvollziehen.

    Damals, vor tausend Jahren, hatte ich nicht den Mut, einfach so loszufahren. Wenngleich ich heute weiß, dass es auch nichts geändert hätte.
    Manchmal klärt es nichts, manchmal aber auch alles.

    Ich wünsche dir alles Glück der Welt!
    :-)

    Lieben Gruß
    Heike.


    • Guten Morgen – na ja inzwischen ja nicht mehr so richtig – Heike,

      vielen Dank für dein Mitfühlen, das Mutverständnis, die Glückwünsche und das unschlagbare Kompliment. Es bleibt wie es ist und geduldig sein, Tee trinken, abwarten, leben, warten dass es vorbei geht oder vielleicht… Na ja vielleicht eben…

      Liebe Grüße, Lies von Lott.

    • paradalis Says:

      Gerne.

      Und manchmal legt sich die Zeit wie ein schützender Schleier darüber.
      :-)

      Kopf hoch!
      Liebe Grüße
      Heike.

  8. Lorna Tuesday Says:

    Hab jetzt schon zum zweiten Mal „Das Wochenende und der Helmut“ gelesen. Hahahahaha….

  9. paulaqu Says:

    Hui, hui! Das mit dem Liebeskummer (wenn ich das mal so lapidar benennen darf) ist einfach ein Elend….hab ich mich hier doch mal so von vorne bis hinten durch das Blog gelesen, und irgendwie konnte ich den Schmerz fast körperlich fühlen, auch wenn bei mir derartiger Schmerz schon seeeeehr lange her ist….Durchhalten, liebe Frau von Lott!!! Der Frühling wird kommen und dann wird es sich zeigen in welche Richtung Sie das Leben für diesen Sommer führen wird!! Schreiben Sie weiter, ich komme gerne zum lesen vorbei!


    • Du darfst das gern so „lapidar“ nennen…

      Ich bin immer wieder gerührt wenn jemand doch irgendwie den ganzen Blog durchliest und mitfühlt.

      Vielen Dank und einen lieben Gruß.

  10. turkishmom Says:

    Annopief habe ich das auch gemacht. Einmal habe ich stundenlang auf dem Parkplatz gesessen und in sein Kuechenfenster geschaut.

    Ein anderesmal habe ich dann von der Telefonzelle vor dem Haus bei ihm angerufen (so lange ist das schon her, da gab es noch keine Handys) und aufgelegt als er sich meldete.

    Stundenlang konnte ich seiner Stimme auf dem Anrufbeantworter zuhoeren. Immer wieder rief ich an, wenn ich wusste, er ist auf Geschaeftsreise.

    Bis ich meinen Mut zusammengefasst und bei ihm geklingelt habe. Und dann wurde es immer einfacher loszulassen, obwohl es dauerte noch eine ganz lange Zeit bis wir beide endlich loslassen konnten.

  11. chinomso Says:

    Boah, das ist wieder einer der Beiträge die zart sind und doch stark. So samtig, so seidig, so crazy und verspielt.

    Und die Aktion ist einfach eine sehr starke und gute, mutige, richtige. Soviel steht fest. Manches muss man einfach tun.

    Man möchte die Lies von Lott einfach nur drücken.
    Und man bin ich.


  12. hallo lies von lott,
    ich bin ganz frisch auf umwegen hier gestrandet (wie’s so passiert, wenn man im www unterwegs ist.. man klickt mal hier, mal dort) und ich bin ganz ge-rührt, be-rührt und angetan von der geschichte über deinen liebskummer. du hast deine gefühle wunderbar verpackt.
    ich fühle mit dir!
    alles gute!
    ein toller blog im übrigen. ich werde wieder vorbei schauen.
    auf bald!


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