damals im Internat – Teil 2

Ich sitze im Shop, wobei zu sagen ist, dass ein Shop nicht etwa ein Geschäft, sondern im Internat ist der Ort ist, an dem man drei- bis viermal die Woche einen Schoppen trinken kann. Zur Auswahl stehen Bier oder Apfelwein, was wohl an der Kombination von hessischen Vorlieben und der Erlaubnis der Schulobrigkeit liegt. Thema Erlaubnis: Erlaubt sind offiziell zwei bis drei Getränke, die vom Taschengeld bezahlt werden. Fürs Protokoll ist zu sagen, dass es auch Nonalkoholica gibt und das Schülerherz nicht zum grenzenlosen Alkoholgenuss sowie dem damit eventuell zusammenhängenden Sittenverfall genötigt wird, nonalkoholhaltige Getränke dürfen in vollkommener Maßlosigkeit zu sich genommen werden.

Ich sitze also im Shop, es ist Februar und Altweiberfastnacht naht.

Wobei zu sagen ist, dass im Internat die Feste gefeiert werden, wie sie kommen und dann auch gern richtig, Traditionen über Traditionen häufen sich an und so müssen zur Altweiberfastnacht die Männer in Frauenkleidung erscheinen oder eben gar nicht. Also erscheinen Sie in Frauenkleidung oder eben gar nicht.

Ich sitze also im Shop, es ist Februar und Altweiberfastnacht naht, ebenso wie RRK mit Zettel und Stift, weil er mich eben doch gut kennt und somit bestens vorbereitet ist. RRK ist der König unter den Verkleidern, mit Aufopferung für die Sache, Hang zum Absurden und Mut zur Hässlichkeit. RRK legt Zettel und Bleistift auf den Tisch und beginnt: „Du Lies, in einer Woche ist ja Altweiberfastnacht…“ (RRK), „Ja!?“ (ich), „…und da hab ich mir gedacht, also ich hab mir das so vorgestellt…“ (macht eine immens große runde Form um seine Beine) „…außerdem Flügel und natürlich Brüste…“ (RRK), „Weißt du was ein Reifrock ist?“ (ich), „Nein, aber das kriegst du schon hin… Willste noch was trinken, ich hol was.“ (RRK)

Auf dem Papier entsteht eine kleine Püppi im Wolkenkleid mit Reifrock drunter, RRK kommt zurück, sein Finger drückt auf das Papier: „So, genauso muss das aussehen!“ (RRK), „Okay, ich machs bzw. wir machen es, denn du wirst jeden dieser Arbeitsschritte begleiten und helfen!“ (ich).

Samstags nach dem Mittagessen in der Kunst, wobei zu sagen ist, dass wir eine große Kunst haben, die uns frei zugänglich ist und nahezu jeder Zeit offen steht.

Nachdem wir uns von den glorreichen Küchenmädels, zu denen ein guter Draht nie schaden kann, große alte Tischdecken besorgt und die Kunst nach Stoffresten durchplündert hatten, ich meine Zauberschränkchen nach Garn oder ähnlichem durchforstet und RRK in der Sporthalle zwei uralte Hullahoopreifen stibitzt hatte (übrigens stand da „made in the DDR“ drauf, was mich mindestens 30Minuten grenzenlos erheiterte), samstags nach dem Mittagessen in der Kunst.

RRK lies seine Hosen runter und zog sein T-Shirt hoch, ich nesselte ihm ein Gummiband um die Tailje, befestigte einen Knopf und schnitt ein Knopfloch rein. Ich nahm Wolle, schnitt acht gleichlange Fäden und zog sie mittels Nadel durch das Gummiband. Dann knotete ich den ersten Hullahoopring fest, circa in Kniehöhe. In dieser grotesken Situation stürmte RRKs bester Freund BF hinein, sah auf RRKs beboxershortsten Hintern und mich vor ihm knien.

RRK, komm wir gehen ins Dorf einen heben…“, kurze Sinn- zwecks Denkpause sowie Feststellung der Absurdität „…was um Himmels Willen macht ihr da?“ (BF), „Ich werde eine Prinzessin und bekomme die Krone…“ (RRK). Wobei zu sagen ist, dass das beste Kostüm mit einer Krone prämiert wird.

Ich will dein Prinz sein…“ (BF)

Dann der Tag aller Tage: Altweiberfastnacht. Nach dieser durchaus männlichen Unterhaltung, einigen Diskussionen und Rücksprache mit dem Festkomitee, wobei zu sagen ist, dass es im Internat für fast alles Schülerkomitees gibt, damit organisatorisch im Bereich Feste und Aktionen nicht alles den Bach runter geht, steht fest BF und RRK gehen als Prinzenpaar.

Während der kommenden vier Tage wurde genäht, gebastelt, geklebt und gepinselt. Durch RRKs Geheimniskrämerei kam es gar zu Bespitzelungsaktionen und der Kreis der Eingeweihteten verdichtete sich zu einer kleinen Verschwörungsriege. Die Kunst wurde unter der Woche gemieden, zu viel Publikumsverkehr und so verwüsteten wir RRKs Zimmer zu einer Ersatznähstube, in der die letzten Feinheiten von Statten gingen, der Rock wurde an den Hullahoopreifen getackert und die Euphorie war groß als wir feststellen, dass RRK trotz immensen Rockumfangs noch durch die Tür kam. DvL opferte eine ihrer schwarzen Hosen und verhalf so BF mittels rabiater Kürzung zu einer Pumphose. OO lieh uns seinen Degen, dessen Handschonungskissen wir gold bemalten, was dieser noch Wochen später bemängelte denn goldener Edding auf dem Handrücken lässt sich nur schwer entfernen.

Nach der Ankleide- und Anmalprozedur, erfreute sich das Prinzenpaar einer unglaublichen Blässe mit ordinär roten Lippen und weißen Rokkokoperrücken, welche RRK durch gute Verbindungen trotz Karnevalzeit noch auftreiben hatte können.

Sie nutzen zum Einschreiten in den Shop, wobei zu sagen ist, dass der Shop zwei Eingänge hat und im Keller liegt, also beide Eingänge mit einer nach unten führenden Treppe versehen sind, den Eingang dessen Treppe kurz vorm Ende eine kleine Plattform hat und sich dann in eine nach links und eine nach rechts abgehende Treppe unterteilt. 

BF schritt vorang, RRK mit silbernem Fächer hinterher. BF wartete die Hand nach oben streckend auf seine „Prinzessin“, sie pausierten auf der Treppe genossen den Applaus, und gingen sie alias RRK rechts und er links dir Treppe hinunter. Natürlich sind sie das Prinzenpaar geworden, mit Krönchen und Sektchen und Geschenkchen und einer Rede. Einer Rede, welche in dieser tiefen Männer(busen)freundschaft fast einen Streit entfachte, denn BF war sich sicher, er als Mann sollte die Rede halten, während die Prinzessin eine charmante Figur machen und durch ihr liebreizendes Wesen überzeugen sollte. RRK war da ganz anderer Meinung, schließlich war es ja seine Idee gewesen, er sei eh der Ältere der beiden und außerdem in der 13… (Wobei zu sagen ist, dass dies ein Argument ist, was im Internat meist zog.)

So, seit nunmehr drei Jahren begeistere ich durch meine Kostüme…“ (Bescheidenheit war nie so seins) „…und dieses – wahrscheinlich – letzte Mal wollte ich in Sachen Verkleidung noch einmal Zeichen setzen, aber ohne die Hilfe dieser Person hätte ich es diesmal nicht geschafft… Dank dir Lies!

Nachtrag: „Wobei zu sagen ist…“ dient heute als allumfassendes Stilmittel zur Einbindung von Internatsinterna, die zum Verständnis der Geschichte von Nöten sind…

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12 Kommentare - “damals im Internat – Teil 2”

  1. Herr Teddy Says:

    Schade das es davon wohl kein Foto gibt. Hätte ich gern gesehen!


    • Herr Teddy wahrscheinlich sind Sie der erste, der sich diesen elend langen Text durchgelesen hat… Es gibt Fotos, allerdings nur vom fertigen Outfit von den Zwischenschritten gibt es leider keine, obwohl die sicherlich viel iunteressanter wären.

    • Herr Teddy Says:

      Her damit!
      Und ich bin mir sicher, dass ich nicht der letzte sein werde der sich diesen ellenlangen Text durchliest/gelesen hat.


    • Herr Teddy, ich habe am Wochenende gesucht und festgestellt, dass sie auf meinem alten kaputten Rechner sind, aber ich arbeite daran!

  2. artifischl Says:

    Auch ich hab den Text mit Leichtigkeit bis zum Ende gelesen :-) und würde gern mehr davon hören. Habe als Teenager oft überlegt wie es wäre, im Internat zu leben, war dann aber doch froh, nicht da hin zu müssen. Konntest du das entscheiden, oder haben dich deine Eltern geschickt ?


    • Prima, ich hoffe Leichtfertigkeit und Schmunzeln!?

      Ich konnte mich entscheiden… Ich habe mir das Internat eine Woche angeschaut und schon nach Stunde zwei war klar, dass ich bleiben wollte, also blieb ich und zwar für immer bzw. bis zum Ende meiner Schulzeit…

  3. turkishmom Says:

    *fingerheb* auch gelesen hab


    • Immer auf der Suche nach der nächsten Hanni-und-Nanni-Geschichte??

      Aber ich freu mich! Schön Sie „zu sehen“.

    • turkishmom Says:

      hi hi genau. Hanni und Nanni Geschichten. Heute habe ich wieder das Maedel mit dem Buch gesehen, ging die Treppen runter, vertieft in ihr Buch.

      Ich werde sie demnaechst wohl wieder mal zu Gemuete fuehren, aber diesmal auf Englisch.

      Und natuerlich, werde ich Lies von Lott’s Geschichten verfolgen. Ich bin gerne hier :)


    • Danke für das schöne Kompliment…

  4. podruga Says:

    in der tat, ein foto wäre super! obwohl die geschichte das wunderbar bildhaft erzählt.


    • Wie gesagt, die Fotos und der alte Rechner, welcher schon zur Reparatur ist, für welche ich nichts bezahlen muss, dafür aber warten… Irgendwas ist ja immer!


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