„entdecke deine Stadt“ – Sinfoniekonzert in der Hauptkirche St. Katherinen

Im Sinne von „entdecke deine Stadt“ folgte ich einer Einladung und besuchte ein Sinfoniekonzert in der Hamburger Hauptkirche St. Katherinen.

Ich sitze 40 Minuten zu früh, von heiligen Fresken bestaunt, umringt von kleinen Asiaten (alias dem Sinfonieorchester der International Christian University, Tokio) in einer weißgetünchten Kirche und beäuge neben dem vorkonzertrigem Orchestergewusel die goldenen Skulpturenbilder, die mit Engeln gespickt, die Himmelfahrt Jesus‘ zeigen.

Ich bin in Kirchen nicht heimisch, vielleicht fallen mir daher seltsame Dinge auf: Haken als Taschenhalter – wie rücksichtsvoll; eine Schnitzerei, die aussieht als würde jemand Lämmer verscheuben – wohl eher hüten; rote Klinker unterm abblätternden Putz an einer der Säulen; ein Engel wie auf einem Barhocker stehend, der gleichsam einer Stweardess gen Notausgang zeigt – in dem Fall gen Himmel.

Auf jeder Bank steht ein metallenes Schüsselchen auf der Seite zum Mittelgang, in jedem zweiten ist eine Kerze. Die Kerzen werden angezündet, die Kirche füllt sich und ich frage mich, ob wirklich all diese Menschen gläubig sind!?

Nach einem Oboen-Trio mit Geiger singt ein blonder Mann in viel zu adrettem Smoking, die Brust weit vorgestreckt. Sein Haar – eine Mischung aus einem 80er-Jahre-Revival und modernem Haarschnitt, durchgestuft in Ohrlänge. Sein ewig lächelnder Blick zu arrogant um noch charmant zu sein, aber wenn ich die Augen schließe, bin ich in einem anderen Land. Sehe Bilder und Geschichten, könnt tausend Leben leben, Geschichten erzählen, Romane füllen.

Dann Applaus und Pause!

Vier Kontrabassspieler wiegen sich im Takt, drei davon Chinesen (nein Scherz, Japaner) – synchron streichen sie im Takt über die Saiten, ihre Köpfe wippen identisch, selbst das Notenblätterblättern erfolgt gemeinsam; der vierte, ein Deutscher vom Hamburger Konservatorium wiegt sich schön gefangen von der eigenen Musik – schön und herrlich asynchron… In der letzten Reihe eine schmächtige Dame, ruhend wie ein Pol, fast anteilnahmslos steht sie da, bis der Taktstock das geheime Zeichen gibt, ihre Trommelstäbe stürmen auf die Trommel ehallen die Kirche, grotesk versperrt ihr eine schwarze Strähne ihres Bobschnitts die Sicht; goldene Trompeten verschmelzen mit dem goldenen Altarbildern und spiegeln mich blendend helles Scheinwerferlicht.

Ich mag dieses seltsame Gemurmel, das entsteht, wenn sie die Instrumente stimmen, wie ein Schwarm Bienen, die sich dann doch auf eine Frequenz einigen und eine Sinfonie beginnen.

Das letzte Programmstück ist gespielt, in unglaublich schlechtem Englisch wird etwas angekündigt, was keiner versteht… Plötzlich tragen alle rote Umhänge und asiatisch Klänge ertönen: Seltsame Glöckchen, Bauklötzchenaufeinanderschlagen, euphorisches Trommeln, dann eine Flöte, die von Liebeskummer und Hoffnung singt. Vor hohen Kirchenfenster, die nichts als einen Blick ins Dunkel erlauben, das Orchester bebt laut und lauter, der Taktstock fliegt durch die Lüfte, das Mädchen mit der Bobfrisur trommelt um ihr Leben, Trompeten stimmen ein – tosender Applaus der eventuell gläubigen Besucherschar.

Glorreiche Horizonterweiterung…

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